«Ostpappe» am Mythenquai
Von Christoph Landolt. Aktualisiert am 10.11.2009 1 Kommentar
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Bernerzeitung.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Alles ruckelt und rüttelt, das Motörchen läuft hochtourig, der bis 120 reichende Tacho zeigt 40 km/h an, der Trabi kämpft. Ein schwarzer Golf schiebt sich in den Rückspiegel und drängelt. «Westblech», brummt Reinhard Müller.
In seinem Trabant vermisst Müller weder ein solides Chassis noch mehr Motorenpower – wieso auch? Nicht für hochgezüchtetes «Westblech», sondern für «Ostpappe» schlägt das Herz des Präsidenten des Trabantclub Schweiz.
Ohne Ironie gehts nicht
Ostpappe, Duroplastbomber – die Trabifans pflegen nicht nur ihre Autos, sondern auch die vor Selbstironie strotzende Sprache rund um das kleine Low-tech-Vehikel, das dreissig lange Jahre praktisch unverändert von den Fliessbändern im sächsischen Zwickau lief. War der Trabi bei der Markteinführung im Jahr 1957 noch einigermassen auf der Höhe der Zeit, so ging der technische Fortschritt weitgehend am ostdeutschen «Volks»-wagen vorbei. Als in Berlin die Mauer fiel, war der Trabi noch immer hochbegehrt, weil westliche Modelle nicht verfügbar waren. Und er war derart rar, dass er eine ausgezeichnete Wertanlage darstellte.
Doch nach der Wende wirkten die kleinen Kistchen aus dem Osten neben den glänzenden Limousinen von Mercedes und BMW wie ein rollender Witz. Der Stolz der DDR verkam zum Symbol für die kommunistische Wirtschaftsschwäche.
Ein bisschen Ostalgie ist dabei
Die rund 80 Mitglieder des Trabantclub trauern dem ostdeutschen Staatsmodell nicht nach, aber ein bisschen Ostalgie ist dennoch dabei, wenn sie zum Mauerfall-Jubiläum ihre bunten Karossen am Mythenquai aufstellen und zur Probefahrt laden.
Die rudimentäre Technik, der sozialistische Mief im Innenraum, die bürgerliche Gediegenheit verströmende Blumenvase, der streng zweckmässige Minimalismus – das alles fasziniert nicht nur die angefressenen Clubmitglieder, sondern auch Passanten, denen beim Anblick der niedlichen Gefährte ein Lächeln übers Gesicht huscht. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.11.2009, 11:07 Uhr
Kommentar schreiben
1 Kommentar
Ein sehr gelungener u. ausgewogener Bericht, objektiv und hervorrragend formuliert. Schoen, dass der Trabant als Kultfahrzeug den Sprung in die Gegenwart geschafft hat, liebevoll gepflegt wird und Menschen ueber alle Landes-Grenzen weltweit sympatisch verbindet. Antworten
