Wirtschaft
Vom Playboy zum Gutmensch
Das Buch
Helmut Spudich: Reich und gut – Wie Bill Gates und Co. die Welt retten.
200 Seiten, Verklag Carl Ueberreuter 2010. ISBN: 978-3-8000-7470-9
Stichworte
Noch nie wurde so viel absurder privater Reichtum wie in den beiden Jahrzehnten vor dem Crash im Herbst 2008 geschaffen. Und noch nie wurde so viel privates Kapital in Milliardenhöhe zur Lösung grosser und kleinerer Probleme des Planeten gespendet und gestiftet. Allein Bill Gates und Warren Buffett warfen zusammen die gigantische Summe von 75 Milliarden Dollar in die philanthropische Waagschale. Um die Bedeutung dieser privaten Mittel besser ermessen zu können: Mit Ausgaben von 3,8 Milliarden Dollar im Jahr 2009 überstieg allein die Gates Foundation das Budget der Weltgesundheitsorganisation WHO. Diese verfügte 2008 und 2009 über 4,2 Milliarden Dollar, 2,1 Milliarden Dollar jährlich – und darin waren auch substanzielle Unterstützungen durch die Gates Foundation enthalten.
Gates und Buffett sind damit bis auf weiteres die unangefochtenen Champions des guten Kapitalismus. Aber sie schlossen sich dieser Bewegung erst relativ spät an. Einer der Ersten, der durch seine Milliardenspende 1997 an die Vereinten Nationen für Aufsehen sorgte und damit zum Protagonisten der jüngsten Welle superreicher Gutmenschen wurde, ist der Medien-Tycoon Ted Turner.
Nie mehr als 49 Dollar in der Tasche
Die enorme finanzielle und ideelle Unterstützung der Weltorganisation war für den CNN-Gründer keineswegs vorgezeichnet: Lange Zeit galt der Playboy mit dem schmalen Clark-Gable-Bärtchen und leidenschaftliche Segler, der 1977 den America’s Cup gewann, politisch als Redneck, ein typischer US-Südstaaten-Konservativer. Sein Grossvater hatte während der Depression der 1930er-Jahre seine Baumwoll-Farm in Mississippi verloren, und Turners Vater warnte den kleinen Ted oft vor US-Präsident Franklin Roosevelt und dessen Nachfolger Harry Truman. Diese seien Kommunisten, und die würden Amerika übernehmen und jeden erschiessen, der mehr als 50 Dollar in der Tasche hatte. Angeblich hatte Ted Turner viele Jahre nur höchstens 49 Dollar in seiner Tasche.
Ausgerechnet die Begegnung mit einem richtigen Kommunisten, Kubas Staats- und Parteichef Fidel Castro, sollte jedoch den Anstoss dafür geben, dass sich Turner in den fortschrittlichen Internationalisten verwandelte, der letztlich seine Milliarden in den Dienst der Menschheit stellen würde. In den 1970er-Jahren nutzte der vom Anzeigengeschäft zum TV-Senderbesitzer mutierte Entrepreneur den technologischen Umbruch am TV-Markt durch Kabelnetze und Satelliten geschickt dazu, um aus dem kleinen Channel 17 in Atlanta das nationale Kabelnetwork zu machen und gegen das Oligopol von ABC, CBS und NBC anzutreten. Er sah in der Gründung des 24-Stunden-Newssenders CNN eine Chance, das Nachrichten-Monopol der grossen Networks zu brechen. Am 1. Juni 1980 gab er dem Sender zum Start die Mission mit auf den Weg, «eine positive Kraft in einer Welt zu sein, in der Zyniker die Oberhand haben».
Das Monopol knacken
Anfangs ein reiner US-Nachrichtenkanal, brachte der Sender 1981 auch einen langen Bericht über Kubas Mai-Parade und die Rede von Fidel Castro. Das trug Turner postwendend eine Einladung nach Kuba ein. Die Neugier überwog, ein Jahr später nahm Turner die Einladung an. Vier Tage verbrachte er mit dem Diktator, rauchte mit ihm Zigarren, besuchte Baseballspiele und Schulen, ging auf die Jagd und diskutierte nächtelang mit Fidel über Politik. Dabei fand er auch heraus, dass man in Kuba das CNN-Signal aus Florida empfangen konnte. Castro bedrängte Turner, dass er CNN in einen weltweiten Nachrichtensender verwandeln sollte.
Voller Energie kam Turner aus Kuba zurück, erinnern sich seine engsten Mitarbeiter, und in der Folge weitete CNN seine internationale Nachrichtenberichterstattung aus. Ende 1982 konnte der Sender via Satellit auch in Asien, 1985 in Europa, wenige Jahre darauf weltweit empfangen werden. Turners Reisen mit und für CNN in alle Welt führten dazu, dass aus dem einstigen Konservativen ein Weltbürger wurde.
Sportler zusammenbringen
Die Rettung der Umwelt, die Bekämpfung der Armut und ein Ende des Kalten Krieges wurden immer stärker zu Turners persönlichen Anliegen. 1985 gründete er die Better World Society, seine erste gemeinnützige Stiftung, die Dokumentationen über die Gefahren der Bevölkerungsexplosion, der Umweltverschmutzung und der nuklearen Waffenarsenale der Supermächte finanzierte. Als nach der sowjetischen Invasion von Afghanistan die USA die Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau boykottierten, anschliessend die Sowjetunion als Retourkutsche ihren Sportlern die Teilnahme an den Spielen in Los Angeles untersagte, finanzierte Turner die Goodwill Games, die sportliche Wettkämpfe zwischen US- und Sowjet-Athleten austrugen. 1990 gründete er die Turner Foundation zur Finanzierung von Projekten des Umweltschutzes und der Bevölkerungskontrolle.
Sein Kabelimperium hatte Turner zu einem reichen Mann gemacht. 1997 sollte ihn die UN-Vereinigung der USA (ein nationales Förderkomitee, wie es das in den meisten Mitgliedsländern gibt) für sein internationales Engagement ehren. Turner nahm dies zum Anlass, der Weltorganisation eine Milliarde Dollar zu spenden, ein Drittel seines damaligen Vermögens. Die Summe war doppelt symbolisch: Noch nie zuvor hatte ein Superreicher eine Milliarde in einer singulären Aktion für wohltätige Zwecke überschrieben. Zugleich war es die Höhe des ausständigen UN-Mitgliedsbeitrags der USA, die zwar der grösste Geldgeber der Weltorganisation, notorisch aber auch ihr grösster Schuldner sind, wofür sich Turner genierte.
«Hi Kofi, ich werde dir eine Milliarde Dollar geben»
Kofi Annan, damals UN-Generalsekretär, hielt es zunächst für einen Scherz, als ihm Turner dies eröffnete. Zunächst musste Turner jedoch entdecken, dass es nicht so leicht war, als Privatmensch einer staatlichen Organisation Geld zu schenken: Die Satzungen der Vereinten Nationen verbieten dies. Als Vehikel für die Abwicklung der Spende wurde darum die UN Foundation gegründet, die als Stiftung Programme der Vereinten Nationen unterstützen kann. Turners Spendenversprechen – er verpflichtete sich 1997, jährlich 100 Millionen Dollar bis zum Erreichen der Milliarde zu geben – ist jedoch noch nicht wirklich erfüllt: Als in den Jahren 2000 und 2001 die Dotcom-Blase platzte, verlor sein Vermögen 80 Prozent seines Werts.
Dennoch enttäuschte Turner die Vereinten Nationen nicht: Er wurde oberster Fundraiser der von ihm gegründeten UN Foundation. Im Oktober 2006 war schliesslich die Milliarde abgestottert, 600 Millionen aus seinem eigenen Geld, 400 Millionen von anderen Reichen. Turner entzog sich jedoch nicht dem ursprünglichen Versprechen: Als guter «Schuldner» vereinbarte er mit den UN einen neuen Zahlungsplan. Sobald er die restlichen 400 Millionen bezahlt habe, werde er für Spenden kein weiteres Geld mehr haben, sagt Turner. Aber seine Initiative lebt weiter, die UN Foundation bleibt bestehen und wird weiterhin Reiche dazu animieren, für UN-Aufgaben zu spenden, anstatt selbst Projekte zu erfinden.
Die sinnlose Suche nach Motiven
Aber spielen persönliche Motive und Widersprüchlichkeiten reicher philanthropischer Geldgeber eine Rolle? Kommt es wirklich darauf an, dass ihre Beweggründe «lauter» sind, damit wir den Umstand akzeptieren können, dass Menschen grosse Summen Geldes für unbestritten wichtige Anliegen wie den Kampf gegen Epidemien, Armut, Klimaerwärmung oder nukleare Abrüstung aufwenden? Jan Philipp Reemtsma, der aus seinem reichen Erbe des Zigarettenimperiums 1984 das Hamburger Institut für Sozialforschung gründete und gesellschaftlich kontroverse Projekte wie die Wehrmachtsausstellung finanzierte, hält die Forschung nach Motiven für fragwürdig. «Warum irgendwer überhaupt etwas tut, wissen wir nicht ernstlich», argumentiert er.
* Aus dem Buch «Reich und gut – Wie Bill Gates und Co. die Welt retten» (siehe Infobox links). (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.08.2010, 17:06 Uhr
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