Abo · Inserate · Wetter: Interlaken 18°recht sonnig

Wirtschaft

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Lösen Spekulanten Hungersnöte aus?

Aktualisiert am 10.08.2010 14 Kommentare

Spekulanten treiben die Weizenpreise in unbezahlbare Höhen, lösen Hungersnöte und soziale Unruhen aus - dieses Schreckgespenst geistert wieder herum. Was ist dran?

Spekulanten beeinflussen Rohstoffpreise: Roggen unter sengender Sonne nördlich von Berlin.

Spekulanten beeinflussen Rohstoffpreise: Roggen unter sengender Sonne nördlich von Berlin.
Bild: Keystone

Wie das Geschäft hier läuft, spürt die ganze Menschheit: Die weltgrösste Rohstoffbörse in Chicago.

Artikel zum Thema

Ob Weizen, Orangensaft oder Rohöl: Die Rohstoff-Märkte sind heute global. Die Preise werden vor allem von Angebot und Nachfrage bestimmt. Bricht in Russland eine Dürre aus, lässt dies wie jüngst geschehen die Weizenpreise steigen. Und leiden die Orangenbäume in Florida unter Pilzbefall, wird der Orangensaft teurer.

Was passiert nun, wenn in Chicago, London oder in Asien mit Rohstoffen gehandelt wird? Im Mittelpunkt stehen dabei meist Termingeschäfte. Das sind Versprechen, Waren zu einem späteren Zeitpunkt zu einem heute bereits festgelegten Preis zu kaufen.

Preise absichern

Beispiel Lufthansa: Die Swiss-Muttergesellschaft kauft meist für bis zu zwei Jahre im Voraus über Optionen für Milliarden Euro Rohöl, um nicht von plötzlichen Preissteigerungen überrascht zu werden. Dabei geht es ihr nicht um spekulative Gewinne bei steigenden Preisen, es ist vielmehr eine Versicherung gegen Preiserhöhungen, die die Kosten massiv steigen lassen könnten.

Auf der Gegenseite könnten im Idealfall zum Beispiel Erdölfirmen stehen, die sich vor einem plötzlichen Preisverfall schützen wollen. Milliardenschwere Investitionen in neue Bohranlagen rechnen sich nur, wenn der Ölpreis in einigen Jahren ein bestimmtes Niveau hat. Mit dem frühzeitigen Verkauf zum festgelegten Preis kann sich hier der Erdölproduzent gegen einen Preisrutsch absichern.

Doch nicht immer ist die Nachfrage nach einer Versicherung gegen steigende Preise so gross wie die Nachfrage nach einer Versicherung gegen sinkende Preise.

Hier kommen nun die Spekulanten ins Spiel: Sie gehen zum Beispiel das Risiko sinkender Preise ein und kaufen im Voraus Waren, die sie später eigentlich gar nicht haben wollen. Im Gegenzug kassieren sie eine Risikoprämie, indem sie die Waren unter dem erwarteten künftigen Verkaufspreis kaufen.

Seit Jahrhunderten

Die Ursprünge dieser Termingeschäfte sind schon Jahrhunderte alt. Früher versuchten sich vor allem Bauern mit dem frühzeitigen Verkauf ihres Getreides gegen plötzliche Preiseinbrüche abzusichern.

Dabei ging es vor allem den Produzenten um eine Absicherung gegen einen Verfall der Preise, während Konsumenten sich kaum gegen steigende Preise schützten, wie schon der britische Ökonom John Maynard Keynes (1883-1949) beschrieb.

Der Keynes-Theorie nach dürften diese Spekulationsgeschäfte allerdings die Preise von Agrarrohstoffen nicht in die Höhe treiben, sondern könnten sie eher senken. Denn das Angebot wird hier nicht künstlich verknappt.

So betont etwa der Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman immer wieder, Termingeschäfte hätten keinerlei direkte Auswirkungen auf die Preise von Gütern.

Anreize zur Produktionsausweitung

Indirekte Folgen können die Börsengeschäfte trotzdem haben: Erstens erhält ein Bauer zusätzliche Anreize zur Ausweitung seiner Produktion, wenn er den Verkaufspreis für seine Waren schon frühzeitig absichern kann. Denn dann sind für ihn die Kosten besser kalkulierbar, das Risiko kann er an den Spekulanten abgeben. Da dann das Angebot steigt, sinken tendenziell die Preise.

Zweitens könnten Waren bei erwarteten Preissteigerungen physisch gehortet werden - und so dem Markt vorübergehend entzogen werden. Beispiele sind Hedgefonds, die ganze Öltanker in der Hoffnung auf steigende Preise vor der Küste parken oder auch Bauern, die ihre Produkte länger als üblich im Getreidespeicher lassen.

Dieses verringerte Angebot kann dann zu höheren Preisen führen - aber auch nur solange, wie die Lager immer weiter gefüllt werden. Mittelfristig werden diese Vorräte in der Regel doch noch an den Markt gebracht - und drücken dann auf den Preis.

Neue Dimensionen

Strittig sind die Folgen, wenn die Spekulation auf steigende oder sinkende Preise Dimensionen annimmt, die ein vielfaches des realen Volumens der Waren entsprechen.

Dann könnten sich zumindest die Termin-Preise vorübergehend weit von den sogenannten fairen Werten entfernen - Preisschwankungen können dann kurzfristig zunehmen und von der Psychologie der Märkte statt den realen Entwicklungen von Angebot und Nachfrage abhängen.

So klagte der US-Finanztheoretiker William J. Bernstein schon 2006, dass am Rohstoffmarkt in New York inzwischen vor allem grosse Investmentfonds agierten - und nicht die Produzenten oder die Abnehmer. (bru/sda /dpa//Rochus Görgen)

Erstellt: 10.08.2010, 22:09 Uhr

14

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

14 Kommentare

Daniel Zurbriggen

11.08.2010, 07:37 Uhr
Melden

Das Bauern vor Jahrhunderten schon spekulativ "Termingeschäfte" tätigten finde ich absurd, kann nur einem Hirn das ausschliesslich in Zahlen denkt entsprungen sein. Es ging darum Abnehmer zu haben weil sonst alles kaputt ging, weil eben gerade kein Platz vorhanden war alles zu lagern . Das ist ja der Nachteil vom Geld das es dem Markt entzogen wird und wir nach deren Pfeiffe tanzen die dies tun. Antworten


Fridolin Zweifel

10.08.2010, 22:17 Uhr
Melden

Leider ist das alles Tatsache und sehr traurig. Es bestätigt, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem und die freie Marktwirtschaft vorallem im Zusammenhabg mit der Globalisierung uns alle an den Abgrund bringt. Die Menschen lernen nichts und sind schlimmer als sämtliche Raubtiere aus der Tierwelt. Die Killerwale wissen wenn sie genug haben. Wir bewegen uns leider immer mehr jenseits von Eden. Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook – Privatsphäre


Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

FÜR IHRE FREIZEIT

Für Ausgehtipps in der Region, nutzen Sie einfach unsere Agenda.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!