Auf dem Sprung zurück
Von Philipp Rindlisbacher. Aktualisiert am 03.02.2012
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Von kurzer Kur bis zum Karrierenende
Dominique Gisin, Roger Federer, Philipp und David Degen – sie alle waren davon betroffen. Im Vergleich zu anderen Sportlern kamen sie glimpflich davon.Mit seinem Leiden ist Langnaus Stürmer Claudio Neff nicht alleine. Beispiele von am Pfeiffer’schen Drüsenfieber erkrankten Spitzensportlern gibt es zur Genüge. Glücklicherweise erholen sich die meisten relativ rasch. So war es bei den Eishockeyprofis Josh Holden (Zug) und Arnaud Jacquemet (Kloten). Ersterer überwand die Krankheit vor drei Jahren gar ohne Wettkampfpause; Jacquemet beklagte während der letzten Meisterschaft zwar heftige Fieberschübe und Schwindelanfälle, nach rund fünf Wochen war der Spuk bei ihm aber wieder vorbei.
Skifahrerin Dominique Gisin erhielt die Diagnose unmittelbar nach der vergangenen Saison. Sechs Wochen lang setzte sie aus, schlief teilweise 20 Stunden am Tag. Danach war sie wieder voll belastbar. Und auch YB-Mittelfeldspieler David Degen und sein Zwillingsbruder Philipp (Basel) waren vor zwei Jahren nur kurzzeitig zur Untätigkeit gezwungen.
Federers Fitnessverlust
Das Pfeiffer’sche Drüsenfieber lieferte 2008 auch eine Erklärung für den durchwachsenen Saisonstart Roger Federers. Nachdem der Baselbieter innert anderthalb Monaten dreimal erkrankt war, erhielt er bei ausgiebigen Tests den Befund. Zehn trainingsfreie Tage später griff er wieder ins Geschehen ein; im Verlauf des Jahres wies er jedoch mehrmals darauf hin, während der Krankheit an Fitness und Form eingebüsst zu haben.
Weit schlimmer als Federer erwischte es seine Branchenkollegen Robin Söderling (Sd) und Mario Ancic (Kro). Der Schwede bestritt sein letztes Turnier vor sieben Monaten, hofft nun aber auf eine baldige Rückkehr auf die ATP-Tour. Ancic seinerseits hat diese Hoffnung aufgegeben. Die ehemalige Weltnummer 7 trat vor Jahresfrist mit 26 Jahren zurück. Als Grund nannte er primär Rückenbeschwerden, allerdings konnte er das Drüsenfieber-Virus nie richtig auskurieren und erlitt nach der Erkrankung 2007 diverse Rückfälle. Bei seiner Abschiedspressekonferenz meinte er: «Mein Herz will noch Spitzensport betreiben, der Körper jedoch nicht mehr.»
Olaf Boddens Schicksal
Das Beispiel Mario Ancic verdeutlicht, dass die Krankheit bei ungewöhnlichem Verlauf verheerende Folgen für einen Profisportler haben kann. Ivan Ergic, ehemaliger serbischer Nationalspieler und Captain des FC Basel, fiel anderthalb Jahre aus – auch psychisch erlitt er einen Knacks. Gar ihre Karriere beendet hat vor wenigen Wochen Langläuferin Silvana Bucher. Die ehemalige U-23-Weltmeisterin hatte die Saison 2008/2009 wegen des Drüsenfiebers verpasst, ihr schwaches Immunsystem warf sie in der Folge immer wieder zurück.
Tragisch entwickelte sich der Fall des deutschen Fussballers Olaf Bodden. 1996 war der Stürmer, damals in Diensten 1860 Münchens, erkrankt. Nach mehreren gescheiterten Comebackversuchen geriet er in einen chronischen Erschöpfungszustand. Sein Körper spielte verrückt. Für Bodden wurde zwischenzeitlich jede Bewegung zur Qual; er litt jahrelang an Glieder- und Kopfschmerzen, beklagte Magen-Darm-Krämpfe. Bodden verlor 30 Kilo und trat Ende 1997 zurück. Der heute 43-Jährige hat sich trotz verschiedenster Therapien nicht vollständig von der Krankheit erholt. Er ist erwerbsunfähig; Sport treiben mag er nicht, selbst Spaziergänge werden zum Problem.
Stichworte
Claudio Neff strahlt. Etwas erschöpft, aber zufrieden sitzt er in einer Garderobe des Langnauer Ilfisstadions. Soeben hat er eine neunzigminütige Trainingseinheit absolviert, das Tempo konnte er mitgehen, zusätzliche Pausen musste er keine einlegen. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, hat der 30-Jährige doch eine lange Leidenszeit hinter sich. 129 Tage war er zur Untätigkeit gezwungen gewesen, «129 lange Tage», wie er sagt. Neff hat den SCL Tigers nicht aufgrund einer Verletzung gefehlt, sondern weil er am Pfeiffer’schen Drüsenfieber gelitten hatte. Vor Wochenfrist jedoch gab er in Genf gegen Servette ein geglücktes Comeback. Wegen diverser Absenzen musste er quasi einspringen. «Gezwungen hat mich aber niemand. Ich habe nichts überstürzt, ging kein Risiko ein», konstatiert Neff.
Die Tage waren lang
Angefangen hatte alles im vergangenen August. Claudio Neff, von Rapperswil ins Emmental gewechselt, beklagte gegen Ende der Saisonvorbereitungsphase einen ungewöhnlich hohen Substanzverlust, fühlte sich matt und kraftlos. Er bestritt vier der ersten fünf Meisterschaftsspiele – doch danach begann sein Körper zu rebellieren. Die Blutwerte des Bündners waren schlecht, die Energiespeicher leer, und selbst geringe physische Anstrengungen wurden zur Tortur. «Sport treiben war auf einmal unmöglich, es machte gar keinen Sinn, weil ich nicht konkurrenzfähig war.»
Kontakt zum Team hatte der Flügelstürmer nur sporadisch. Ab Ende November nahm er ab und zu am Mannschaftstraining teil, «am Tag danach war ich aber jeweils total kaputt. Diese ständigen Rückschläge waren sehr frustrierend.» Meistens weilte Neff zu Hause in Luzern. Und da wurden die Tage lang. Er las Bücher, ging mit der Freundin spazieren oder lag auf dem Sofa. Eine schwierige Zeit sei dies gewesen, «vor allem eine unbefriedigende». Neff nahm Kontakt zu einem Kollegen auf, der zuvor am Virus erkrankt war. Dieser riet ihm, geduldig zu bleiben, nicht zu verzweifeln.
Gedanken hat er sich aber schon gemacht – vor allem solche, die seine sportliche Zukunft betreffen. Neff, der die Krankheit mittlerweile vollständig kuriert hat, sagt, er habe befürchtet, in dieser Saison gar nicht mehr zum Einsatz zu gelangen. Nun spielt er heute (19.45 Uhr) mit den Tigers in Lugano. «Wenigstens kann ich noch Eigenwerbung betreiben und versuchen, mich aufzudrängen», meint der gelernte Kaufmann. Neffs Vertrag läuft aus, er möchte aber gerne weiter für Langnau spielen. Sein Agent habe mit den Verantwortlichen Kontakt aufgenommen – bisher ohne konkret zu werden.
Die Lehren gezogen
Der Leidenszeit gewinnt Claudio Neff auch etwas Positives ab. Er habe gelernt, auf seinen Körper zu hören und Dinge zu akzeptieren, «man kann eben nicht immer auf der Sonnenseite stehen».
Neff weiss, wovon er spricht. In seiner Karriere lief vieles anders als geplant. Im Schweizer Eishockey gilt er als polarisierende und umstrittene Figur, die gleichermassen bewundert wird und aneckt. Er leistete sich einige Eskapaden, von Alkohol- und Frauengeschichten war zu lesen. Vor und nach dem Meistertitel mit Davos (2005) gab es abrupte Abgänge aus Ambri und Freiburg, und auch sein erstes Gastspiel in Langnau endete vor vier Jahren unschön: Er wurde fristlos entlassen. «Ja, ich war ein Rock’n’ Roller, aber bei weitem nicht der einzige. Die Medien haben sich oft nur auf mich gestürzt», erklärt der Routinier, welcher sich seit Jahren als Torvorbereiter auszeichnet.
Das Bad-Boy-Image habe er nie gewollt, erklärt Neff und ergänzt, er sei längst ruhiger geworden – ein Fakt, den Teamkollegen bestätigen. «Ich habe schon lange keine negativen Schlagzeilen mehr geliefert», erzählt er augenzwinkernd. Das soll auch so bleiben. Nach seiner Genesung will er primär in sportlicher Hinsicht auffallen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 03.02.2012, 07:53 Uhr
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