Baugeschichte wird neu geschrieben
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Scherbenfunde
An der Führung in der Unterseener Altstadt berichtete Regula Glatz über die Auswertung der Grabungen von Ost- und Westabschluss. Am Beispiel der Scherbenfunde zeigte die Archäologin, wie Ausgrabungen auch Unbekanntes aus jüngerer Zeit ans Licht bringen können. So wurde neben Spielzeugtierchen und Gebrauchskeramik aus dem 17. bis 19.Jahrhundert, die durchwegs aus Heimberg stammen, auch Fragmente von Porzellangeschirr des Grand Hotels Victoria-Jungfrau gefunden. Die Scherben, die neben der Inschrift ein Einhorn ziert, sind erst gut 100 Jahre alt – und doch sind sie bisher der einzige Hinweis darauf, wie die Tafel des ersten Interlakner Grandhotels in seinen Anfangszeiten gedeckt war.
Zeitplan ist auf Kurs
Auch mit den archäologischen Grabungen kommen die Bauarbeiten programmgemäss vorwärts, wie die Gemeindebehörden und das zuständige Ingenieurbüro am Dienstag erklärten. Sie sollten Anfang September fertig sein, wenn auf der 2.Verbindungsachse nach Interlaken der Kanton mit der Sanierung der Aarebrücken beginnt.
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Seit dem 5.März werden in Unterseens Altstadt bestehende Werkleitungen saniert, neue Fernwärmeleitungen verlegt, Trottoirs und Strassen rollstuhlgängig gestaltet. Der erste Teil der Altstadtsanierung ist die jüngste Etappe in einer über 2000-jährigen Siedlungsgeschichte, wie der Archäologische Dienst auf Einladung der Unterseener Gemeindebehörden am Dienstag mit sehr gut besuchten öffentlichen Führungen zeigte.
Lückenlos besiedelt
Seit den 1970er-Jahren wurden Gräber und Reste von Wohnbauten aus römischer Zeit sowie aus dem Früh- und Hochmittelalter gefunden. Beim Neubau der Kirchgasse zeigte sich zudem, dass gleich nach der Stadtgründung von 1279 die Häuser direkt an die erste steinerne Stadtmauer angebaut worden waren – ohne den damals üblichen Freiraum entlang der Mauer. «Die unübliche Bauweise deutet auf eine ältere Siedlung hin, deren Parzelleneinteilung übernommen wurde», erklärte Volker Herrmann, der beim Archäologischen Dienst den Bereich Stadt-, Kirchen- und Burgenarchäologie leitet. Wie Unterseen vor dem Stadtbrand von 1470 sonst aussah, wusste man bisher nicht. Als aber zu Beginn der Sanierungsarbeiten diesen Frühling alte Mauern zum Vorschein kamen, vermuteten die Archäologen gleich eine zentrale Häuserzeile an einer Hauptgasse zwischen dem östlichen und westlichen Stadttor.
Gut ausgebaute Keller
Seither gräbt der Archäologische Dienst immer ein paar Meter vor den Bauarbeitern und dokumentiert alles, was bei den Sanierungsarbeiten zerstört wird. «Was wir finden, bestätigt die ersten Vermutungen», sagte Projektleiter Marcel Cornelissen am Dienstag. «Wir graben einen Keller am anderen aus.» Alle deuten mit vier bis fünf Metern Breite, ihrer soliden Bauweise und dem sorgfältigen Ausbau mit steinernen Treppen, Lichtnischen und sauberem Verputz auf Häuser wohlhabender Bürger hin. «Manche Keller haben sogar zwei Schichten Verputz und zeigen Brandspuren», erläuterte Cornelissen. Daraus schliesst er, dass die Häuser schon den ersten Stadtbrand von 1364 erlebt hatten und danach wieder instand gestellt worden waren. Abgesehen von den Mauern haben die Archäologen praktisch nichts gefunden. «Das war auch nicht zu erwarten, weil wir nicht bis auf das Niveau der Kellerböden graben.» Die tiefen Schichten bleiben wohlverwahrt im Boden und können vielleicht von künftigen Generationen einmal untersucht werden.
Duty-free-Shop auf der Aare
«Dass Unterseen erst nach 1470 zu seinem grossen freien Platz mit dem Stadthaus kam, entspricht der üblichen städtebaulichen Entwicklung», meinte Volker Herrmann. «Grosse Plätze in Städten kamen erst seit der Renaissance in Mode.» Klar wurde durch die neuesten Ausgrabungen auch, dass Unterseen im Mittelalter nur zwei Stadttore hatte. Das Stück Kreuzgasse, das heute zur Aarebrücke führt, entstand später. Die Waren, die vom Thunersee her kamen, wurden vermutlich auf der alten Hauptgasse bis zur Haberdarre oberhalb des östlichen Stadttors transportiert und dort mit einer Fähre über die Aare nach Interlaken verfrachtet. Ein Kaufhaus auf der frühneuzeitlichen Brücke zwischen der Stadt Unterseen und dem ehemaligen Kloster Interlaken könnte aber durchaus auf Vorgängerbauten hindeuten. «Auf Brücken, die zwischen zwei Herrschaftsbereichen lagen, wurde im Mittelalter oft Handel getrieben, um Zölle zu umgehen», erklärte Herrmann.
(Berner Oberländer)
Erstellt: 28.06.2012, 07:43 Uhr
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