«Antisemitismus ist in der Schweiz immer noch latent verbreitet»

Interview: Aenea Wasmer. Aktualisiert am 05.02.2010
Die Hass-Schrift im Sigriswiler Anzeiger löst Bestürzung in der jüdischen Gemeinde aus. «Leider kommt solcherlei antisemitisches Gedankengut immer wieder zum Vorschein», sagt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund.
Der Autor der Hetzschrift schreibt: «Das organisierte Weltjudentum hat die totale Ausraubung gewisser reicher Länder, wie Deutschland, Schweiz, Österreich und anderer Staaten längst begonnen.» Was löst diese Aussage in Ihnen aus?
Wir sind über diese Aussagen bestürzt. So etwas sollte im 21. Jahrhundert nicht mehr möglich sein. Diese Aussagen verstossen unserer Ansicht nach klar gegen die Antirassismus-Strafnorm. Deshalb haben wir auch gegen den Verfasser Otto Grossglauser Anzeige erstattet.

Ist Grossglauser bei Ihnen bekannt als Hetzer?
Er ist uns vorher nicht bekannt gewesen.

Ist die Schrift ein Verstoss gegen das Anti-Rassismus-Gesetz?
Aus unserer Sicht ja.

Wieso hält sich ein antisemitisches Pamphlet aus dem 20. Jahrhundert, wie zum Beispiel «Die Protokolle der Weisen von Zion», so hartnäckig bei einigen Personen?
Diese Frage stellen wir uns natürlich immer wieder. Die «Protokolle der Weisen von Zion» wurden bereits mehrmals als Fälschung entlarvt; in den 1930er-Jahren hatte sich sogar ein Berner Gericht mit den «Protokollen» befasst und ihre Fälschung bestätigt.

Denken Sie dass durch die publizierte Hass-Schrift im Sigriswiler Anzeiger sich Leute vom Antisemitismus anstecken lassen?
Leider sieht man immer wieder, dass von solchen Unwahrheiten vor allem bei jungen und unerfahrenen Lesern etwas hängen bleibt. Gerade auf Internetformen kommen solche Aussagen dann immer wieder zum Vorschein.

Entdecken Sie unterschwellige, antisemitische Aspekte in unserer Öffentlichkeit, welche die schweizerische Bevölkerung gar nicht wahrnimmt?
Der Antisemitismus ist leider immer noch - auch in der Schweizer Bevölkerung - latent verbreitet, wenn auch glücklicherweise nicht in dieser radikalen Form wie es der Artikel von Grossglauser verbreitet.

Wie blicken Sie in die Zukunft betreffend der Einstellung der schweizerischen Bevölkerung gegenüber Juden, wenn eine solche Hass-Schrift abgedruckt wird?
Die Juden in der Schweiz sind integraler Teil der Bevölkerung. Wir glauben auch, dass die aller meisten Schweizer genug aufgeklärt sind, nicht von solchen Schriften beeinflusst zu werden. Leider kommt solcherlei antisemitisches Gedankengut aber auch immer wieder zum Vorschein. Dagegen werden wir natürlich auch in Zukunft vorgehen.

( Bernerzeitung.ch/Newsnetz )

Erstellt: 05.02.2010, 17:17 Uhr

Artikel zum Thema

Interaktiv

Weitere Artikel Region