Hardermanndli, Hexen und Perchten

Aktualisiert am 04.01.2010
Auf dem Sagiplatz zu Rameli (Interlaken), der jetzt Marktplatz heisst, haben sie sich versammelt, und nun ziehen sie durchs Stedtli (Unterseen), durch die beiden Bahnhofstrassen und über den Höheweg: das «Hardermanndli» und sein «Frouelli», die Harderzwerge und Lombachgeister, die Rossschwänze schwingenden wilden «Potschen», die kleinen «Potscheni» mit den selber gebastelten Masken, die «Bödeli-Rasselbande», «Trychlerzüge», Musikanten und Trommler und die Hölloch-Hexen. An der Umzugsroute stehen die Zuschauer zu Tausenden, freuen sich, fürchten sich, amüsieren sich. Fotografieren, was die Apparate und Apparätchen hergeben. «Harderpotschete» wird das bunte Treiben offiziell genannt. «Harderpotscheta» sagen die Eingeborenen. So gesittet wie heutzutage ging es nicht immer zu. Noch Anfang der Fünfzigerjahre zogen «Chlummlerpotschi» unorganisiert durch die Strassen, «brätschten» mit «Süüplateri» drein, die sie, wenn es hart auf hart ging – etwa wenn sich Stedtler und Rameler zu nahe kamen – durch Strümpfe ersetzten. Strümpfe? Strümpfe! In denen noch die Strumpfkugel steckte. Und die hinterliess farbenfrohe Beulen. Das wüste Treiben passte dann Chrämern und Beizern an der Marktgasse ganz und gar nicht mehr. 1953 «verbundhäägleten» sie die Sage vom «Hardermanndli» mit dem Brauch des «Chlummlerns» und erfanden so die «Harderpotscheta». Meister Trauffer machte sich ans Schnitzen von Holzmasken. Hin und wieder bricht ein «Potsch» aus dem Zug aus, packt eine junge Frau, wohl eine, die er schon lange gerne einmal geknutscht hätte. Nun, maskiert, wagt er es. Etwas mehr Mut bräuchte es wohl, eine der Hölloch-Hexen zu packen. Die sind nämlich – wie es sich für Hexen gehört – mit Besen bewaffnet. Zudem sind sie bei den «Harderpotschen» zu Gast. Und Gäste werden mit Respekt behandelt. Ausgewanderte Innerschweizer Fasnächtler, im Schwyzerverein Winterthur vereint, haben die Hölloch-Hexen gegründet. 1978 ging der Spass los, und seither fliegen die Hexen in alle Himmelsrichtungen aus. Sie fliegen nicht nur, sie schnupfen auch. Einer der Schnupfsprüche aus dem Hexentopf: «Häxebrunz und Rattebluet, das tuet allnä Häxe guet. Priis» Der «Potschenrat» ruht nicht auf den Lorbeeren aus. Er führt weiter und baut aus, was die Marktgass-Chrämer angefangen haben. Dieses Jahr erweckte er zu neuem Leben, was im 16.und 17.Jahrhundert Brauch war. Damals verteilte der Landvogt am Neujahrstag «Guetjahresbrot» an seine Untertanen und Steuerzahler. Oberpotsch André Dähler berichtet darüber im Magazin «Berner Oberland»: «Die Landvögte im Berner Oberland verwalteten nach der Reformation im 16.Jahrhundert die bernischen Ländereien und waren für das Wohlergehen der Landbevölkerung gegenüber der gnädigen Herren in Bern verantwortlich. In ihren Schlössern beschäftigten sie neben dem Landschreiber auch den Pfister (Bäcker). Dieser erhielt den Auftrag, auf das Neujahr hin ein besonderes Gebäck als «Guetjahresbrot» zu kreieren. Gebäck aus Weissmehl galt zu dieser Zeit als Luxus. Das Gebäck – die Wastelen – wurde in der Klosterbäckerei in Interlaken gebacken und am Neujahrstag an die Bevölkerung verteilt.» In Ritschard Güschtels Wörterbuch «Bödellitüütsch» ist festgehalten: «Wächtelli n. (Wächtelleni) krapfenartiges Gebäck.» Nun – am 2.Jänner 2010 – reitet der Landvogt (an den Tellspielen der Gessler) samt Gefolge und in Begleitung des Probstes dem Umzug voraus und lässt Wastelen an seine Untertanen verteilen. Reisige und Landsknechte achten darauf, dass kein Vorwitziger es wagt, die Hand zweimal nach dem edlen Gebäck auszustrecken. Am Rande des Sagiplatzes hat Koch «Fischli» (Beat Hofer, der «Brüetsch» von Polo) unter dem «Kochkessi» angefeuert, und bald duftet die «Potschensuppe». Wobei: «Potschen» schwimmen keine in der Suppe. «Das Rezept verrate ich nicht», sagt der Koch, «das wird später an den Meistbietenden versteigert. Das Hotel Metropole hat schon tuusig Stutz geboten.» Und für alle Fälle: «Das Spital ist avisiert, die Töckter sind auf Pikett.» Es gibt natürlich nicht nur Fischlis «Potschensuppe». Auch «heissi Marroni», «heissi Würscht», «Chäsbrätel u Chässchnitti», Glühwein, unglühigen Weissen und Punsch. Masken werden präsentiert, Preise verlost. Die «Potschen» und die «Trychler» brechen zum «Beizencher» auf. Der «Harderpotschete»-Verein hat seine Ehrenmitglieder und Freunde zum «Potsche-Mälti» ins Oberland eingeladen. Sozusagen als Vorspeise jagen ihnen aber noch die «Riettüfel Triber» einen zünftigen Schrecken ein. Sie sind auch Gäste der «Potschen», liessen sich aber tagsüber nicht blicken. Sie scheuen das Tageslicht. Die «Riettüfel Triber» wurden im St.Gallischen Altstätten in einer Frühwinternacht 2006 gegründet und bilden den ersten Perchtenverein der Schweiz. Das Perchtenbrauchtum ist seit Jahrhunderten in Österreich und Südbayern heimisch. Der tiefere Sinn des Perchtenkultes liegt einerseits in der Vertreibung der Dämonen, andererseits sollen auch die guten Geister gerufen werden. Wehe dem, der sich über die Perchten lustig macht – er wird nicht beachtet. Die Perchten ziehen weiter, ohne zu tanzen. Und das gilt als schlechtes Zeichen für das kommende Jahr. Es sind «gfürchige» Gesellen, die da um ihren Feuerwagen tanzen. Ihre Augen glühen grün, rot und weiss. Ihre Stöcke lassen den Asphalt Funken speien. Niemand macht sich über sie lustig. Sie tanzen. Das ist ein gutes Zeichen. Potschenverein-Ehrenmitglied Beat Hassenstein ist zufrieden: «Wetter gut, viele zufriedene Leute, gute Stimmung.» Ueli Flück>
Erstellt: 04.01.2010, 00:32 Uhr

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