Da waren die YB-Anhänger noch siegessicher und voller Tatendrang: Die Berner Fans verlassen beim Basler St.-Jakob-Park den Extrazug.
Der Bahnhof ist kaum ausser Sichtweite, ertönen bereits die ersten Gesänge: «Die Nummer 1, die Nummer 1, die Nummer 1 der Schweiz sind wir!» Während an Kopf und Ende des Zuges vermehrt Familien anzutreffen sind, erhöhen sich Lärm- und Alkoholpegel zur Mitte hin. Hier, in der Nähe des Barwagens, reist der harte Kern der Fans: die Ultras. Sie, die sich mit Haut und Haaren dem Verein verschrieben haben, dominieren sowohl das Erscheinungsbild der Fankurve als auch deren Wahrnehmung. Entzückt eine grosse Choreografie das Wankdorf, stecken hunderte Arbeitsstunden der Ultra-Gruppierungen dahinter. Kommt es zu Ausschreitungen zwischen Fans, sind bisweilen auch deren Exponenten beteiligt. Doch von solchen Schlagzeilen ist die grosse Fahrgemeinschaft an diesem Sonntag weit entfernt: Jung und alt fachsimpeln über ihren Verein, trotz hohen Alkoholkonsums bleibt die Stimmung friedlich.
Für Lukas Meier von der Fanarbeit Bern sind die Vorzüge des organisierten Transports offensichtlich: «Neben den tieferen Preisen ist es so auch möglich, die Anreise der Fans besser zu koordinieren.» Reisten früher Fangruppierungen oft mit Cars oder in Regelzügen an, gehört der Extrazug heute zum Alltag. Dennoch stehen ebendiese Extrazüge zur Zeit in der Kritik: Auf Grund von Sachschäden an den Zügen und Ausschreitungen rund um die Transporte möchten die SBB Verantwortung und Haftung für die Transporte abgeben. In diesem Sinne hat der runde Tisch gegen Gewalt im Sport mit Vertreterinnen und Vertretern von Sportverbänden, öffentlicher Hand und Fanarbeit Schweiz, Anfang diesen Jahres einen verbindlichen Massnahmenplan verabschiedet, der unter anderem die zukünftige An- und Abreise der Fans regelt. So genannte Charterreisen per Car oder Zug sollen die bisherigen Extrazüge ersetzen; die Verantwortung läge dann bei den Organisatoren.
Fanarbeiter Meier hält diese Massnahme nicht für umsetzbar: Müssten die Fandachverbände als Organisatoren die höheren Kosten und das Risiko übernehmen, könnten sie sich solche Fahrten nicht mehr leisten. Die Folgen: Die Fans müssten wieder individuell anreisen und würden mit grosser Wahrscheinlichkeit auf die Regelzüge der SBB umsteigen. Laut Reto Kormann, Mediensprecher der SBB, sind sich die Bundesbahnen des Dilemmas bewusst. Die jährlichen Mehrkosten von über zwei Millionen würden sie aber dennoch dazu bewegen, den Versuch der Charterzüge zu wagen. Gegen Bellinzona am 25. März dürfte es laut Lukas Meier keinen herkömmlichen Extrazug geben. Die Verhandlungen der YB-Fandachverbände mit den SBB für einen Charterzug laufen.
Bellinzona ist heute noch weit weg. Markus Etter, Einsatzleiter der Bahnpolizei, steht auf dem Perron vor dem Basler St.-Jakob-Park und zieht ein Fazit zur Hinfahrt. Zwar soll die Präsenz seiner Truppe auf den Extrazügen für Ordnung sorgen, ein Einschreiten hingegen sei kaum je nötig. «Im nationalen Vergleich halte ich die YB-Fans für eher harmlos.» Auch heute ist er mit dem Verhalten der Fans zufrieden. «Die Rückfahrt ist unberechenbarer, das kommt ganz auf das Abschneiden der Mannschaft drauf an.» Wenn Etter mit dieser Aussage auf einen Sieg der Berner und damit eine fröhliche Heimfahrt hofft, wird er enttäuscht: YB geht in Basel sang- und klanglos mit 0:4 unter, die Fans hätten allen Grund wütend zu sein. Doch die Höhe der Niederlage scheint den YB-Fans aufs Gemüt zu schlagen. Enttäuscht marschiert die Masse nach Abpfiff brav zurück zum Extrazug – nichts wie ab nach Hause und das Spiel abhaken, scheint das Motto zu sein. So verläuft auch die Rückfahrt ohne Zwischenfälle.
Kurz vor Bern die höfliche Verabschiedung durch den Zugführer: «Liebe YB-Fans, einen schönen Abend noch, bis zum nächsten Mal.» Ob der 0:4-Pleite und der ungewissen Zukunft der Extrazüge ist das vielleicht etwas gar viel Sarkasmus.
(Berner Zeitung)