Was dann aber kommt, ist nicht nur eine intellektuelle Analyse zum aktuellen Zustand der Schweiz, sondern auch eine politische Standpauke für sein Heimatland: «Ein Land, das so wenig Freunde hat, braucht keine Feinde mehr», heisst es da etwa. Er schiesst gegen die Politiker, die prinzipienlose Geldwirtschaft, die orientierungslosen «Sachwalter des Staates».
Der Schweiz, so stellt Muschg fest, sei die Selbstachtung abhandengekommen. Die Gründe dafür formuliert er so: «Eigentlich befindet sich die Schweiz schon seit dem Bergier-Bericht, spätestens seit dem Grounding der Swissair in einem kollektiven Dauerschock, an dem vielleicht das Typische, aber auch das Bedenklichste seine Verleugnung ist. Wenigstens hat die Schweiz das Problem nicht mehr, vor dem sie Keller 1862 noch glaubte warnen zu müssen: sich auf dem Lorbeer auszuruhen, den ihr andere spenden.»
Muschg fordert mehr Gemeinsinn
Muschg weiter: «Die immer noch reiche Schweiz erlebt etwas, was sie sich nicht leisten kann: Isolation. Die Rechthaberei der Glücklichen, an denen Krieg und Elend ohne eigenes Verdienst vorübergegangen sind, schlägt auf sie selbst zurück. Ob es uns passt oder nicht: Jetzt sind wir dabei - nur nicht in bester Form und unverhofft einsam. In unserem Selbstverständnis hat sich eine Lücke geöffnet, durch welche eine unverstandene Welt verdächtig mühelos einbricht, ohne einer soliden Selbstachtung zu begegnen. Die alten Grenzbefestigungen waren schon lange brüchiger, als ihre Verteidiger wissen wollten. Dass das Land sich 1992 gegen die EU so dicht wie möglich gemacht hat, war ein Fehler - was in der Politik bekanntlich schlimmer ist als ein Verbrechen. Ein paar Dutzend bilaterale Verträge sind, bei aller nötigen Pfiffigkeit, kein Ersatz für ehrliche Teilnahme und ehrenhafte Beteiligung.»
Die Schweiz, so fordert Muschg, müsse wieder in Bewegung kommen, mehr Gemeinsinn entwickeln, mehr Vorstellungskraft. Denn diese sei nicht das Vorrecht der Dichter, sondern erste Bürgerpflicht.
(mcb)