Abo · Inserate · Wetter: Interlaken 12°Wolkenfelder, kaum Regen

Wein

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Burgunder – eine göttliche Komödie

Von Jan Graber. Aktualisiert am 02.12.2010 5 Kommentare

Burgunderweine sind der Nektar der Weinwelt. Wer gute Tropfen sucht, fühlt sich indessen wie Dante Alighieri zu Beginn der «Göttlichen Komödie»: Er steht im Wald. Und der Weg ins Paradies führt durch die Hölle.

Burgunder des Begehrens: Eine Flasche 45er La Romanée-Conti im Wert von mehreren Zehntausend Dollar.

Burgunder des Begehrens: Eine Flasche 45er La Romanée-Conti im Wert von mehreren Zehntausend Dollar.
Bild: Keystone

Beat Caduffs Tipps

2008 Marsannay «Clos di Roy», Domaine Sylvain Pattaille.
Nicht so bekannte Lage, junger Winzer der perfekte Pinot Noir keltert, der Wein ist schlichtweg genial.Ca. 40.—


2008 Volnay 1er cru Domaine Marquise d’Angerville
Das ist für mich großes Burgund mir allen Finessen und einer betörenden Nase. Ca. 70.—

2007 Nuits-Saint-Georges 1er cru Clos de la Marachale Domaine Jaques-Fredric Mugnier
Für mich einer der besten Winzer im Burgund, sehr schwer zu bekommen. Ca. 100.—

Und als Schweizer «Burgunder»: 2008 Gantenbein Pinot Noir
Eigentlich ist Gantenbein ein richtig großer Burgunder, der spielend mithält mit den besten aus dem Burgund, nur fast nicht aufzutreiben. Ca. 79.—

Das Burgund

Zum Burgund zählen neben der Côte d'Or mit Côte de Nuits (acht Gemeinden) und der Côte de Beaune (20 Gemeinden) auch die Côte Chalonnaise, das Mâconnais, Chablis und im weitesten Sinn auch das Beaujolais im Süden. Als Burgunder darf der Wein nur bezeichnet werden, wenn er zu hundert Prozent aus der Pinot-Noir-Traube (Rotweine) oder der Chardonnay-Traube (Weissweine) gewonnen wird. Das Herzstück bilden die zwei Städtchen Nuits-St.-Georges und Beaune. Aus der Côte de Nuits kommen vor allem exquisite Rotweine, die Côte de Beaune kann mit den weltbesten Weissweinen aufwarten (Montrachet). Das berühmteste Weingut ist derzeit die Domaine de la Romanée-Conti in der Côte de Nuits.

Stichworte

Sie gelten als das Äquivalent des önologischen Paradieses – die Weine aus dem Burgund. Alleine schon die Namen klingen wie Heilsversprechen: Corton-Charlemagne, Chambolle-Musigny, Montrachet, Romanée-Conti, Clos de Vougeot, Meursault, Santenay und so weiter und so fort. Zwar werden derzeit noch die Tropfen aus dem Bordeaux von vielen als das Nonplusultra der Weinproduktion betrachtet, nicht zuletzt wegen spektakulärer Auktionen. Wer sich indessen länger mit Wein auseinandersetzt, weiss: Die Prunkstücke des önologischen Handwerks kommen aus der der Côte d'Or, unterteilt in die Côte de Nuits und Côte de Beaune.

Denn kein anderer Tropfen kann es mit der Finesse, der Intensität und dem Genusspotenzial eines gut gemachten Burgunders aufnehmen. «Ein Weintrinker, der ein Leben lang Wein geniesst, endet zuletzt beim Burgunder», sagt auch der Zürcher Gastronom Markus Segmüller. Einen exzellenten Burgunder zu trinken, sei wie der Eintritt durchs Himmelstor.

Der Weg ins Paradies führt indessen durch die Hölle.

Inferno

Ein eiskalter Februar vor ein paar Jahren, wir befinden uns für ein Wochenende im Burgund, wo Weinkeller rund um Burgunds Epizentrum Beaune ihre Tore geöffnet haben. Einwohner aus der Region sind unterwegs, um die Erzeugnisse der Weinproduzenten zu degustieren, Shuttlebusse bringen die Besucher von Dorf zu Dorf, Krethi und Plethi sind unterwegs, es herrscht Kirmesatmosphäre. Das sollte uns skeptisch stimmen, wir zählen aber auf den Ruf des Burgunds – von hier stammen schliesslich die besten Weine der Welt. Die Enttäuschung folgt stehenden Fusses: Nie zuvor haben wir saurere und wässrigere Säfte getrunken. Es glich einer önologischen Beleidigung.

Die Anekdote ist bezeichnend für das Burgund: Neben den besten Weinen der Welt produziert die Region im gleichen Atemzug die schlechtesten. Das hat seine Gründe: Nicht nur haben es die Weinmacher mit der Diva unter den Traubensorten zu tun – der Pinot Noir – und müssen sich mit klimatischen Bedingungen herumschlagen, die bisweilen verhindern, dass die Traube zu voller Reife gelangen. Die meisten Winzer aus dem Burgund haben sich auch nie dem Diktat der neuen Welt gefügt: Während sich andere Weinregionen dem Bedürfnis der Weintrinker nach stets alkoholintensiveren, dunkleren Säften anpassten, halten die Burgunder Winzer an den alten Methoden der Weinproduktion fest – bis hin zur Methode, das halbnackte Männer in den Bottich mit den zermanschten Trauben steigen, um mit der Körperwärme die Gärung in Gang zu setzen. Und der Gefahr, im schlimmsten Fall nichts weiter als einen sauren Saft zu kriegen.

Dennoch haben viele in den letzten zehn Jahren dazugelernt. Mittlerweile gehört das Burgund zu den am nachhaltigsten wirtschaftenden Weinregionen. Landwirtschafts- und Kellertechniken wurden radikal erneuert. Markus Segmüller: «Das Burgund ist vom Saulus zum Paulus geworden.» Besonders die jüngere Generation hat sich der biodynamischen Landwirtschaft verschrieben. Damit allein ist es jedoch nicht getan.

Teuflische Konfusion

Die Krux für die Konsumenten liegt nicht nur in der Gefahr, einen wirklich miesen Saft zu erwischen, sondern in der Vielfalt der Möglichkeiten dazu: Das Burgund verfügt über rund 40 sogenannte Grands Crus – herausragende Lagen, die regelmässig bestes Traubengut liefern – und über 550 Premiers Crus. Direkt nebeneinanderliegende Parzellen im gleichen Rebhang können als Premier Cru oder Grand Cru klassiert sein. Manchmal verzichtet eine Gemeinde freiwillig auf den Grand-Cru-Eintrag, obwohl die Lage der geforderten Qualität entsprechen würde. Schlechteren Wein macht sie dadurch nicht. Meist in tieferen Lagen im Tal befinden sich zahllose weitere, nicht ausgezeichnete Parzellen.

Der teuflischen Konfusion nicht genug: Die Parzellen, auf denen Wein angebaut wird, sind bisweilen bis zur Absurdität unterteilt. Grands Crus und Premier Crus gehören folglich meist nicht einem einzigen Besitzer, sondern mehreren. In manchen Lagen bewirtschaften mehrere Dutzend Weinbauern eine einzige Parzelle, manchmal gerade mal eine Reihe Weinreben – Folge eines veralteten Erbgesetzes, bei dem geerbtes Land in gleichen Stücken unter den Nachkommen aufgeteilt wird.

Die Zerstückelung hat vor langer Zeit schon die sogenannten Négociants auf den Plan gerufen: Diese Abfüllhäuser kaufen die Weine der Kleinstproduzenten zusammen und verschneiden sie zu einem eigenen Wein. 65 Prozent der Burgunder stammen von Négociants. Die Qualitätsunterschiede der Négociants sind selbstverständlich enorm – nur wer die guten Abfüllhäuser kennt, kann auf Qualität zählen.

Damit nimmt die Qual noch kein Ende: Anders als im Bordeaux werden die Tropfen nicht nach den Weinproduzenten, dem Négociant, benannt, sondern nach den Lagen und den Gemeinden, aus denen das Traubengut stammt. Als Nonplusultra gilt die Nennung einer einzelnen Grand-Cru-Lage, gefolgt von unterschiedlichen Kombinationen aus Lage und Gemeinde. Verdeutlicht wird es mit dem Etikettenaufdruck. Halten Sie sich fest:

Purgatorio

Ein Grand-Cru-Wein trägt nur den Namen des Rebhangs auf dem Etikett, zum Beispiel «Le Corton». Der Gemeindename fehlt. Ein Premier Cru hingegen trägt den Namen der Gemeinde plus den Namen der Lage, beispielsweise «Chambolle-Musigny, Les Charmes», oder, sofern das Traubengut aus mehreren Lagen stammt, den Namen der Gemeinde und einfach die Bezeichnung «Premier Cru». Wobei manche Premiers Crus besser sind als zweitrangige Grands Crus. Dies nur nebenbei.

Bei der dritten Stufe darf die Gemeindeappellation draufstehen und die Lage, aber letztere muss in kleineren Buchstaben auf dem Etikett stehen als der Gemeindename. Und auf der niedersten Stufe steht auf dem Etikett einfach Bourgogne – sofern der Wein ausschliesslich aus Pinot Noir für Rote oder Chardonnay für Weisse gekeltert ist.

Da eine Vereinfachung des komplizierten Systems derzeit nicht in Sicht ist, bleibt den Konsumenten nichts anderes übrig, als auswendig zu lernen. Nennen wir es das Purgatorio, die Läuterung, und sie führt direkt zur letzten Stufe – ins Fegefeuer, dem Tor zum Paradies.

Teures Paradiso

In Dantes «Göttlicher Komödie» ist der Eintritt ins Paradies nur demjenigen erlaubt, der bereit ist, im Fegefeuer unerträgliche Schmerzen zu erleiden. Im Fall der Burgunderweine heisst dies konkret: Das Portemonnaie um einige Hundert Franken zu erleichtern. Die wenigsten guten Burgunder sind heutzutage unter 100 Franken pro Flasche erhältlich, ein Grand Cru kostet ein Mehrfaches davon. Bis hin zum teuersten Tropfen der Welt, La Romanée-Conti, aus der gleichnamigen Domain: Der Saft zupft beim 2006er-Jahrgang mindestens 5700 Franken pro Flasche aus dem Portemonnaie.

Wer zu diesem Schritt bereit ist, dem tut sich allerdings das Paradies auf. Zumindest, was den Weingenuss betrifft. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.12.2010, 09:56 Uhr

5

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

5 Kommentare

daniel jauslin

02.12.2010, 11:12 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Papier ist zum Glück geduldig! Klar gibt's nichts Gescheites unter 100 wenn man auf die hier herumreisenden händler reinfällt (zb an der muba). "freund" in hegenheim ist da der bessere tipp. oder 2 stunden autobahn an die cote d'or - ich kauf den grand cru (der seinen namen verdient) beim produzenten deutlich unter 100. guter wegweiser: guide hachette! Antworten


Theo Kasper

02.12.2010, 15:16 Uhr
Melden

Kann die Meinung von Daniel Jauslin nur bestätigen und kaufe Burgunder-Weine ausschliesslich direkt beim Produzenten. Ein weiterer Guide als ein quasi "must" ist der Bourgogne d'aujourd'hui. Davon gibt es eine monatliche Heftausgabe sowie ein Taschenbuch, welches die Degus eines Jahres zusammenfasst und Produzent & Wein bewertet und beurteilt Erhältlich in Beaune im grossen Buchshop vor Hospice Antworten



Umfrage

Wieviele Festivals möchten Sie in diesem Jahr besuchen?





Archiv

Publireportagen
  • Gelangen Sie hier direkt zu einer älteren Publireportage der Weinrubrik: