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«Das ist die grösste Fehlentwicklung im Schweizer Tourismus»

Von Anita Bachmann. Aktualisiert am 26.01.2012 10 Kommentare

Hansruedi Müller hat den Tourismus während dreissig Jahren wissenschaftlich begleitet. Er sieht den uferlosen Zweitwohnungsbau als grosse Bedrohung für den Tourismus-Standort Schweiz.

«Man strengt sich an, damit die Touristen kommen, doch eigentlich möchte man alles tun, um sie am Kommen zu hindern»: Hansruedi Müller.

«Man strengt sich an, damit die Touristen kommen, doch eigentlich möchte man alles tun, um sie am Kommen zu hindern»: Hansruedi Müller.
Bild: Franziska Scheidegger

Zur Person

Hansruedi Müller war seit 1989 Direktor des Forschungszentrums für Freizeit und Tourismus an der Universität Bern. Der in Buchs (SG) augewachsene Müller machte eine Ausbildung als SBB-Stationsbeamter und war später für die Werbung des Güterverkehrs der Bundesbahnen verantwortlich. Im zweiten Bildungsweg absolvierte er ein Wirtschaftsstudium. Müller ist Präsident des Schweizerischen Leichtathletikverbands und im Stiftungsrat der Schweizerischen Berghilfe.

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Herr Müller, Sie haben betont, nach Ihrer Pensionierung nicht mehr für Tourismusfragen zuständig zu sein. Sind Sie die Thematik leid?
Nein, überhaupt nicht. Aber ich habe einige alternde Tourismusprofessoren erlebt. Es ist gut, wenn es einen würdigen Abschluss gibt.

Sie sind seit 30 Jahren in der Tourismusforschung tätig und haben viel publiziert, 1989 etwa einen Artikel in der NZZ mit dem Titel «Bleiben Sie zu Hause – Abwehrreaktionen der Bevölkerung in Fremdenverkehrsgebieten». Was war das für eine Zeit?
Ja, das sinkende Tourismusbewusstsein war tatsächlich einmal eine heftige Diskussion. Es gab damals auch Aktionen, in Küblis GR etwa wurden Kleber verteilt mit dem Text: «Juhui, ich bin kein Zürcher.» Jeanne Hersch hat damals gesagt: «Noch strengen sich die Einheimischen an, damit die Touristen kommen, doch eigentlich möchten sie alles tun, um sie am Kommen zu hindern.» Es ist zwiespältig, man braucht den Tourismus, um sich zu entwickeln, aber dann ist man nicht mehr unter sich. Auch die Berner sind ein wenig reserviert und fühlen sich bedrängt, wenn zu viele Touristen in der Stadt Bern sind.

Ein wichtiges Thema Ihrer Forschungsarbeit sind kalte Betten. Sie sagen, seit 30 Jahren sei im Zweitwohnungsbau keine Trendwende in Sicht. Helfen vielleicht die Initiative «Schluss mit uferlosem Bau von Zweitwohnungen» oder die Landschaftsschutzinitiative?
Die Initiativen zeigen, dass eine Fehlentwicklung in Gang gesetzt worden ist, die bedrohlich ist. Bereits mein Vorgänger, Jost Krippendorf, hat sie 1982 aufgezeigt. Damals gab es 700 000 Betten in Zweitwohnungen, jetzt sind es doppelt so viele. Irgendwo haben wir die Grenze überschritten; das ist die grösste Fehlentwicklung im alpinen Schweizer Tourismus. Diese zieht die ganze Infrastruktur nach sich wie Verkehr, Abwasser oder Gesundheitsversorgung. Auch die Bergbahnen müssten für kurze Zeiten grosse Kapazitäten zur Verfügung stellen. Während langer Zeit hat man aber zu kleine Frequenzen, um damit betriebswirtschaftlich erfolgreich sein zu können. Lange hat man gehofft, die Gemeinden regelten den Zweitwohnungsbau über Raumplanung und über Fiskalabgaben selber. Weil das nicht passiert ist, kommt jetzt die Weber-Initiative, die aber viele Tourismusorte vor eine beinahe unlösbare Aufgabe stellen würde. Wenn man die Dynamik abrupt aus einem System nimmt, geht es lange, bis wieder ein Gleichgewicht entsteht.

Dann finden Sie die Initiative zu radikal?
Ja, das ist nicht der Weg. Aber die Initiative zeigt, dass die Belastungsgrenzen erreicht sind. Es ist hoffentlich endlich ein Warnschuss, dass ernsthaft mit dem Thema umgegangen werden muss.

Sie propagierten die Entschleunigung des Tourismus mit Geschwindigkeitsbeschränkungen: 100 Kilometer pro Stunde für Autos, 200 für die Züge und 400 für Flugzeuge.
Die Formel des deutschen Verkehrswissenschaftlers Karl Otto Schallerböck ist nicht nur eine Provokation, sondern legt den Finger auf den Kern des Mobilitätswachstums. Die Anzahl Wegstrecken, die wir machen, waren bereits zu Gotthelfs Zeiten etwa gleich. Auch ist die alltägliche mobile Zeit beim Menschen nur leicht gestiegen. Die einzig entscheidende Variable im Mobilitätssystem ist die Geschwindigkeit, und die hat mit der Motorisierung irrsinnig zugenommen. Aber in der Schweiz hatten wir einmal Tempo 130 auf den Autobahnen, und innerorts war früher 60. Schliesslich sind Fussgängerzonen entstanden. Gute Ferienorte haben heute Fussgängerzonen – Gstaad ist beispielsweise seit der Eröffnung der Fussgängerzone noch erfolgreicher. Der negative Teil ist der Flugverkehr, der enorm zugenommen hat. Zwar hat man auch nicht mehr die gleichen Wahnvorstellungen. Die Concorde etwa scheiterte, vielleicht auch, weil sie es überspannt hat. Heute ist die Normalgeschwindigkeit 700 bis 800 im Flugverkehr. Für Tempo 400 am Himmel müsste man neue Flugzeuge bauen, die wieder Richtung Zeppelin gingen. Dann überlegt sich einer dreimal, ob er nach Australien fliegt. Und wenn er geht, bleibt er länger. Wenn man über Nachhaltigkeit spricht, sollte man ganz stark auch über die Geschwindigkeit reden.

Wir brauchen wieder mehr Gäste, die Zeit mitbringen und bei uns verweilen möchten. Passiert heute nicht das Gegenteil, indem das Berner Oberland stark den asiatischen Markt bearbeitet?
Der asiatische Markt hat generell einen anderen Zugang zur Zeit. Das gilt auch für uns, wenn wir eine Ferienreise machen. Je ferner, desto hektischer. Aber man darf es nicht überschätzen. Der ganz grosse Teil der Touristen im Berner Oberland sind immer noch die Schweizer. Zudem hat es viele Deutsche, Engländer und Holländer. Der asiatische Markt macht auf dem Jungfraujoch relativ viel aus, aber in den übrigen Gebieten, etwa auf dem Niesen, gibt es nicht viele Japaner, Chinesen oder Inder. Mehr Zeit bringt heute der Gast im Bereich Wellness mit. Die Leute haben die Entschleunigung entdeckt und haben sie auch nötig. Das Berner Oberland ist gut geeignet für Wellness, man müsste sie nur noch ausbauen.

Lässt sich Ökologie überhaupt mit Tourismus vereinbaren?
Ich spreche in meinem Abschlussreferat über das Wachstumsdilemma, das Kerndilemma. Das Kapital des Tourismus sind die Landschaft, die Natur, die kulturelle Eigenart. Tourismus ist aber nur definierbar über Mobilität, Tourismus heisst automatisch Ressourcenverbrauch oder auch -verschleiss. Klimatische Gegebenheiten gehören zu den Grundlagen des Tourismus, der diese aber auch gefährdet.

Im Berner Oberland wird man sich sagen: Wir haben noch so viel Natur, warum müssen die Städter in erster Linie bei uns die Natur schützen?
Im globalen Kontext ist das noch viel schlimmer. Wir sagen, man darf keinen Regenwald abholzen, nachdem bei uns viel gerodet worden ist. Das Gleiche gilt für den Moorschutz. Lange wurde alles entwässert, die letzten Reste wurden unter Schutz gestellt. Aber es hat in den letzten 20 Jahren auch eine Änderung im Denken stattgefunden. Heute haben wir viele neue Naturparks, nicht nur den Nationalpark. Man hat erkannt, dass mit dem Vorhandenen sorgsam umgegangen werden muss und dass das auch einen touristischen Wert hat. Auch die Städter haben die Natur entdeckt, deshalb gibt es Renaturierungen, wie zum Beispiel der Stadtbach im Berner Quartier Bümpliz.

Die Naturparks sind nicht unumstritten in den Regionen. Sie können ihnen aber etwas abgewinnen?
Am richtigen Ort im richtigen Ausmass, ja. Mühe habe ich damit, dass plötzlich alle einen Naturpark wollten. Es wurde viel Geld für externe Beratung und Forschung bereitgestellt. Die einheimische Bevölkerung wurde da und dort stark gefordert. In den letzten fünf bis zehn Jahren entstanden zu viele derartige Projekte, denn das touristische Potenzial ist beschränkt.

Dann ist es nicht schlimm, dass der Naturpark Thunersee-Hohgant im Emmental nicht zustande kam?
Nein, das finde ich nicht tragisch.

Vor ein paar Jahren warnten Sie vor der «Nach-Expo-Depression». Wie schlimm wurde sie für das Seeland zwischen dem Bieler-, dem Neuenburger- und dem Murtensee?
Ich wollte damit eher sagen, dass einmalig grosse Events etwas Gefährliches sind. Ich bin vielmehr für wiederkehrende Events. Mit einem Jahr Verspätung war die Expo plötzlich da, unterlegt mit einem sehr eigenartigen Nachhaltigkeitsbegriff. Alles musste am Schluss weggeräumt sein. Was wahnsinnig schade war, denn es gab wunderbare Bauten und tolle Erlebnisbereiche. Die Stadt Biel hats wohl am besten gemacht, indem sie die Stadterneuerung hinter dem Bahnhof in die Wege leitete. Zwei Jahre nach der Expo musste der Tourismus in der Region aber neu aufgebaut werden.

Aber es gibt auch erfolgreiche Grossereignisse wie die Euro 08 in Bern.
Die Euro 08 ist eine einmalige Mega-Veranstaltung, die tatsächlich erfolgreich war. Am Schluss hat die Schweiz stolz festgestellt, dass sie fähig ist, etwas Derartiges zu organisieren. Bis vor 2003 war die grösste Sportveranstaltung, die sich die Schweiz zugetraut hatte, das Eidgenössische Turnfest. Bei der Euro 08 hat man ziemlich alles richtig gemacht. Den grossen Boom hat sie aber nicht ausgelöst. Die Schweiz hat sich nicht neu positioniert, keine neuen Akzente gesetzt.

Vor der Eröffnung des Mystery-Parks in Interlaken waren Sie optimistisch. Eine Fehleinschätzung?
Ja. Nicht bezüglich Standort und Thema. Aber die Bereitschaft und Fähigkeit, das Thema an diesem Standort gut zu inszenieren, habe ich falsch eingeschätzt. Dazu braucht es Leute im Hintergrund, die die Kunst des Erlebnis-Settings beherrschen.

Sollte man den Mystery-Park nun zurückbauen?
Die Situation ist heute sehr schwierig, denn der Killer war das architektonische Konstrukt. In der Themenparkszene gilt, kein Achteck zu bauen, denn es lässt keinen Spielraum zu. Freizeitparks müssen immer wieder umgebaut werden und dynamisch wachsen können. Wenn man in einem Achteck gefangen ist, kann man auch keine andere geeignete Nutzung finden. Von dem her wäre der Rückbau wohl die gescheiteste Lösung.

Sie haben die Arbeit Ihres Vorgängers Jost Krippendorf weitergeführt. Mit Ihrer Pensionierung verschwindet das Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus. Ein Bruch in der Tourismusforschung?
Ja, doch es wäre traurig, wenn es keinen Bruch geben würde. Im universitären Kontext muss es Brüche geben. Aber viele Studierende, die ich begleiten durfte, sind jetzt an anderen Orten tätig. Ein Teil des Geistes lebt weiter, auch in Bern, wo meine Oberassistentin die neue Tourismus-Forschungsstelle leiten wird. (Der Bund)

Erstellt: 26.01.2012, 10:02 Uhr

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10 Kommentare

Bernhard Sidler

26.01.2012, 14:30 Uhr
Melden 46 Empfehlung

Reisen ist eben auch wahnsinnig billig gweorden. Wenn ich aus dem Tram die Plakatwerbung für Billigfluggesellschaften sehe, bin ich nicht sicher, ob eine etwas längere Tramfahrt bald schon teurer ist als ein Flug nach Stockholm oder Marseille. Antworten


giovanni bernasconi

26.01.2012, 17:27 Uhr
Melden 22 Empfehlung

Es sind nicht die Zwetwohnungen die das CH-Tourismus bedrohen: dies ist eine sehr billige Ausrede um die Wahrheit beim Namen zu nennen.
Unprefessionalitaet, schlechte Preis/Qualitaet Verhaeltniss, Unfreundlichkeit, schlechte Kundenbedienung, uebersetzte Preise, usw machen das CH-Tourismus kaputt.
Antworten



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