Immun dank Gentechnik
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Eine Allergie-Impfung, im Fachjargon spezifische Immuntherapie oder Hyposensibilisierung genannt, bietet die einzige Chance, eine Allergie dauerhaft zu heilen. Bei Insektenallergien (Bienen, Wespen) gelingt dies fast immer. Heuschnupfenpatienten dagegen müssen sich mit einer geringeren Erfolgsquote zufrieden geben. Eine placebokontrollierte Studie mit Gräsertabletten zum Beispiel zeigte: Nach drei Jahren Therapie bessern sich die Symptome um etwa 50 Prozent. Bisher lässt sich nur jeder zehnte Heuschnupfenpatient auf eine Immuntherapie ein.
Gefragt sind also neue Ansätze, die erstens mehr Erfolg versprechen und zweitens die Therapie beschleunigen. Einen solchen Ansatz verfolgen Forscher vom Universitätsspital Zürich und dem Schweizerischen Institut für Allergie- und Asthmaforschung (SIAF) in Davos. In einer Vergleichsstudie mit 160 Allergikern erzielten Mediziner um den Zürcher Dermatologen Thomas Kündig mit nur drei Injektionen innerhalb von acht Wochen den gleichen Erfolg wie die herkömmliche Hyposensibilisierung in drei Jahren. Der Trick: Statt unter die Haut wurde der Pollenextrakt direkt in den Lymphknoten gespritzt, dort, wo der Körper bei der Immuntherapie schützende Antikörper bildet.
Pilotstudie mit Katzenallergen
Inzwischen ist eine Forschungsgruppe um Reto Crameri am SIAF einen Schritt weiter: Statt mit Extrakten zu arbeiten, haben sie ein rekombinantes, also gentechnisch verändertes Allergen hergestellt und in einer Phase-I-Studie erfolgreich getestet. Dabei handelte es sich allerdings nicht um ein Pollen-, sondern ein Katzenallergen. Der Grund: Die Allergie gegen Katzenhaare ist weniger kompliziert als Heuschnupfen und deshalb einfacher für die Entwicklung eines ersten Impfstoffs. Anders als bei der Pollenallergie löst bei der Katzenallergie nur ein einziges Eiweiss die überschiessende Immunreaktion aus – weltweit, bei allen Betroffenen.
Crameris Gruppe hat nach erfolgreichen Tierversuchen eine klinische Studie mit 20 Probanden durchgeführt. Acht erhielten ein Placebo, zwölf wurde das rekombinante Allergen verabreicht. Es wurde dreimal direkt in die Lymphknoten gespritzt, nach der ersten Behandlung noch einmal nach sechs bzw. nach acht Wochen. Um die Wirksamkeit zu überprüfen, wurden die Probanden mit einem «Katzenextrakt» in der Nasenhöhle und in den Augen gereizt. Dabei zeigte sich dass die mit dem rekombinanten Allergen behandelten Allergiker die Reizung wesentlich besser tolerierten als diejenigen, welche das Placebo bekommen hatten.
Gentechnisch verändertes Protein
Für die Herstellung des Wirkstoffs haben Crameri und seine Forschungsgruppe die molekulare Sequenz der Proteine identifiziert, an die beim Allergiker die IgE-Antikörper andocken. Binden sich IgE-Antikörper an ein Allergen, wird die ganze Kaskade der Immunantwort ausgelöst, die schliesslich zu den Symptomen führt. Mit biotechnologischen Verfahren haben die Davoser Forscher ein Protein hergestellt, dem die Sequenz fehlt, an dem sich ein IgE binden kann. Die Folge: Das Immunsystem kann auf das Allergen nicht mehr reagieren. «Der Körper gewöhnt sich dann an die Präsenz eines harmlosen Allergens», sagt Crameri. Und wenn er nach Abschluss der Therapie mit einem «richtigen» Allergen in Berührung kommt, toleriert er es, und die allergische Reaktion bleibt aus.
«Das Besondere an unserem Ansatz ist, dass wir das Allergen direkt in einen Lymphknoten spritzen», sagt Crameri. Deshalb sind wesentlich geringere Konzentrationen des Wirkstoffs notwendig. In einen Lymphknoten gespritzt, ist das Allergen dort den Zellen des Immunsystems direkt ausgesetzt. «Es braucht eine bis 1000-fache geringere Dosierung», stellt Crameri fest. Derzeit arbeiten er und seine Mitarbeiter an rekombinanten Allergenen, die bei einer Hausstaub- bzw. einer Birkenpollenallergie eingesetzt werden können – zur Freude der Pollenallergiker.
Auch in Salzburg und Wien
Auch an Forschungsstätten ausserhalb der Schweiz arbeiten Wissenschafter an neuartigen Impfstoffen. An der Universität Salzburg hat die Molekularbiologin Fatima Ferreira die Genstruktur der sieben Ambrosia-Allergene im Labor und am Computer charakterisiert. «Wir müssen die Moleküle, die einen Allergiker hierzulande krankmachen, genau kennen, um eine gezielte Therapie und Diagnostik zu entwickeln», sagt Ferreira. Mit ihrem Wissen hat die Forscherin einen neuartigen Impfstoff entwickelt, der ein künstliches, gentechnisch hergestelltes Ambrosia-Allergen enthält. Ferreira hat das Eiweiss leicht verändert, damit es beim Patienten keine allergischen Nebenwirkungen hervorruft.
Auch der Mediziner Rudolf Valenta von der Universität Wien ist davon überzeugt, dass den gentechnisch hergestellten Allergie-Impfstoffen die Zukunft gehört. Seine rekombinante Immuntherapie gegen Birkenpollen befindet sich in der letzten klinischen Prüfphase. Impfstoffe für Milben- und Tierhaarallergiker sollen folgen. «Die Präparate, die heute bei der spezifischen Immuntherapie verwendet werden, sind Mischextrakte», sagt Valenta, «sie könnten neue Überempfindlichkeiten auslösen.»
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.09.2010, 08:25 Uhr
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