Die wahre Seele des Prosecco
Von Hans Urfer. Aktualisiert am 15.05.2009 3 Kommentare
Eine halbe Autostunde nördlich von Venedig erreicht der Besucher die Provinz Treviso, mitten in der Hügellandschaft um die beiden Städte Conegliano und Valdobiaddene. Dort weist die Landschaft bereits alpinen Charakter auf, besonders rund um Valdobiaddene, die kleinere der beiden Städte. Die Dörfer sind wie Nester in die Hänge eingefügt und werden von Kastanienwäldern, Pfirsichbäumen und Weinbergen umgeben.
Auf schmalen Terrassen stehen die Reben, die hier eine zwei Jahrhunderte alte Tradition haben, an den Rundhügeln der Talhänge. Gutes Schuhwerk und Standfestigkeit sind hier Pflicht, will man Wein erzeugen. Maschinelle Winzerarbeit ist hier unmöglich. Handarbeit ist gefragt. In diesen Tagen ist es ruhig zwischen den Rebstöcken. Nur vereinzelt sind Handmähgeräte zu sehen und zu hören, mit denen das zwischen den Reben liegende hohe Gras zurückgeschnitten wird.
Trügerische Stille
Auch wenn derzeit fast keine Menschenseele zwischen den Rebstöcken auszumachen ist, die Farbe Grün die Landschaft dominiert und die Blütezeit eben erst begonnen hat, täuscht die Ruhe zwischen Conegliano und dem 30 Kilometer westlich liegenden Valdobiaddene.
«Das gleicht einer Revolution», sagt Giancarlo Vettorello, der weiss, wie ernst die Lage in seiner Region ist. Vettorello ist Direktor des Schutzkonsortiums der Prosecco-Produzenten, dessen aktuelle Mitgliederzahl derzeit bei 160 liegt.
Künftig soll der Prosecco-Wein aus dem staatlich kontrollierten Anbaugebiet eine neue Deklaration erhalten. «Damit wollen wir den Ursprung des Prosecco und den damit verbundenen hohen Qualitätsstandard verbindlich regeln», sagt Vettorello, «und das soll auch international gültig werden.» Wie diese Deklaration im Detail auf den Etiketten der pro Jahr rund 60 Millionen verkauften DOC-Flaschen aussehen soll, ist derzeit Gegenstand von Diskussionen zwischen den Produzenten und den Verantwortlichen des Konsortiums. Ziel soll es zudem sein, dass die Deklaration DOC noch um ein «G» (Garantita) ergänzt wird.
Hoffen auf Rom
Zwar hoffen alle Beteiligten, dass die neue Regelung auch vom Markt akzeptiert wird, doch vorerst muss die Zentralregierung noch den Segen geben. «Es stimmt», sagt Vettorello, «wir erwarten den Beschluss im Juli», sagt Vettorello und lässt keine Zweifel aufkommen, dass Rom grünes Licht geben wird.
Hoffnung schöpfen die Prosecco-Weinbauern auch deshalb, weil der Landwirtschaftsminister der Berlusconi-Regierung, Luca Zaia, aus der Region stammt, dort kürzlich im Herzen des DOC-Prosecco zum G-8-Gipfel der Landwirtschaftsminister geladen und bei seinen Amtskollegen eifrig für den perlenden Wein geworben hatte.
Konsortium will Unesco-Label
Dass es den Prosecco-Weinbauern und ihren Interessenvertretern in Conegliano und Valdobiaddene mit ihrer Qualitätsoffensive ernst ist, beweisen auch die Bemühungen des Konsortiums um eine Anerkennung ihrer Region als Unesco-Weltnaturgut. «Die Arbeiten sind im Gange, Verantwortliche der Unesco waren bereits bei uns», sagt Giancarlo Vettorello.
Das Konsortium kontrolliert die Einhaltung der Produktionsregeln und hilft mit, das Produkt zu verbessern und zu schützen. Dies ist ganz im Sinne seiner Mitglieder, die alles Interesse daran haben, dass ihre Arbeit geschätzt wird und nicht andere mit gleichem Produktenamen, aber minderwertiger Ware den Namen Prosecco mit Billigware aus dem Supermarkt in Verbindung bringen.
Billigen Wein und Kohlensäure
Einer der 160 Weinproduzenten im DOC-Gebiet ist die Firma Matteo Varaschin und Söhne, deren Kellerei in San Pietro di Barbozza, einem Vorort von Valdobiaddene, liegt. Der Patron des Unternehmens, Luigi Varaschin, hat die Geschäftsführung vor Jahren an seinen Sohn Orfeo abgegeben, ist aber mit seinen 66 Jahren noch immer im Geschäft. Erst vor wenigen Tagen hat er Paolo Feci, dem umtriebigen Restaurateur in Interlaken mit Wurzeln in der Emilia Romagna, und dessen Begleitern die Kellerei gezeigt und gleich klargemacht, dass die neue Deklaration kommen muss. «Ich und meine Kollegen investieren unsere ganze Kraft in die Optimierung unserer Produkte, und andere kaufen billigen Wein, mischen etwas Kohlensäure bei, nennen dies Prosecco und verkaufen die Flasche für zwei Euro», sagt Luigi Varaschin und ereifert sich fast ein bisschen. «Das kann es nicht sein», so Varaschin, dessen Firma pro Jahr rund 600'000 Flaschen Prosecco und Cartizze verkauft. Letzteres Produkt ist eine qualitativ bessere Variante des Prosecco, dessen Traube auf begrenzten 104 Hektaren grossen und steilen Hängen auf dem Gemeindegebiet von Valdobiaddene wächst.
Was macht Luigi, der von seinen Freunden «Gigi» gerufen wird, sollte die Käuferschaft die neue Deklaration des hochwertigen Prosecco nicht akzeptieren? «Ich habe keine Angst, denn wir arbeiten hart für unseren Prosecco, der eine hochwertige Qualität aufweist, und das sind die Grundsteine für den Erfolg», sagt Varaschin. (Berner Zeitung)
Erstellt: 15.05.2009, 12:13 Uhr
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3 Kommentare
Wäre der Prosecco nicht zum Modegesöff vor Jahren verkommen, wäre mehr Qualität. Der geschilderte Fall ist typisch. Wenige bleiben ihrer Qualität und Heimat treu, wenn der Rubel zu rollen beginnt. Ich trinke seit vier Jahren nur noch Bio-Prosecco, da er meiner Meinung nach das ursprünglichste Aroma/Geschmack hat. Vieleicht hilft so eine Klassifizierung. Beim Chianti war es ähnlich (Erfolg ?). Antworten
Dieser Beitrag ist irreführend, da unvollständig. Es wird der Prosecco SPUMANTE beschrieben. Der Prosecco FRIZZANTE, mit KOHLENSÄURE versehener Prosecco-WEIN, sowie der STILLE Proseccowein wird nicht erwähnt. Alle Varianten tragen auf dem Etikett den Namen Prosecco. Besonders der SPUMANTE und FRIZZANTE werden gerne im Handel/Gastronomie verwechselt. SPUMANTE ist in der Herstellung erheblich teurer Antworten



