Rhetorik-Serie (1): Wie man das Volk verführt
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 30.11.2010 46 Kommentare
Umfrage
Unabhängig der politischen Gesinnung, welchen Schweizer Politiker erachten Sie als den besten Redner und Debattierer?
Moritz Leuenberger
Christoph Blocher
Doris Leuthard
Karin Keller-Sutter
Alexander Tschäppät
Bastien Girod
Simonetta Sommaruga
Christoph Mörgeli
Cédric Wermuth
Filippo Leutenegger
6170 Stimmen
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Vergangene Woche kreuzten SP-Jungspund Cédric Wermuth und «Weltwoche»-Verleger auf Tele Züri die Klingen, ein Wortgefecht, aus dem viele Wermuth als rhetorischen Sieger hervorgehen sahen. Bezüglich medialer Aufmerksamkeit war er das mit Sicherheit. Alle redeten über den Chef der Jungsozialisten, und vergangenen Sonntag wurde er mit einem Auftritt bei Viktor Giacobbo geehrt. Aber hat Wermuth tatsächlich den rhetorischen Sieg davongetragen? Hatte er wirklich so viel bessere Argumente als Köppel? Und was heisst eigentlich in diesem Zusammenhang rhetorisch?
Alles ist Rhetorik
Die Beherrschung der Argumentation mache lediglich 25 Prozent der Wirkung aus, sagt Rhetorikfachmann Klaus J. Stöhlker. So ging es denn beim Rededuell nicht in erster Linie um sachliche Argumente sondern darum, wer seine Botschaft vermitteln konnte. Wermuth punktete mit ruhig vorgebrachter Anti-Abzocker-Rhetorik. Köppel verlor, weil er versuchte, dagegen anzureden und wütend wurde. Es geht also um die Form, den Eindruck, den man hinterlässt. Tatsächlich kann ein und dieselbe Botschaft, vermittelt durch verschiedene Akteure, völlig unterschiedlich ankommen. Verpackung ist alles – besonders heute, da Politik vornehmlich medial vermittelt wird. Von der knackigen Formulierung der eigenen Ideen, Thesen und Positionen über ihre Präsentation bis zu Äusserlichkeiten wie Kleidung und Stil muss alles sitzen. All dies zusammen bestimmt darüber, wie man auf andere wirkt und in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.
Beim Duell Köppel/Wermuth konnte Wermuth punkten, weil er sich nicht den Spielregeln von Alphatier Köppel unterwarf und diesen so in Rage brachte. Rhetorisch geschickt wiederholte Wermuth seine Kernbotschaft, wandte sich beim Reden vor allem an Moderator Gilli, ging auf Köppels Gegenargumente kaum ein, sondern kanzelte ihn höchstens mit spöttischen Einwürfen ab. Wermuths Qualitäten, so Stöhlker, zeigten sich aber vor allem auch im grösseren politischen Zusammenhang. Laut Stöhlker kommt er auch deshalb so gut an, weil er Frische in das erstickende SP-Parteiklima bringe. Wermuth habe sich als Kämpfer mit einem guten Gespür für die richtige Story erwiesen. «Ein riesiges politisches Talent.»
Verpackung statt Inhalt
Dass es in der Politik nicht so wichtig ist, was man sagt, sondern vor allem, wie man es sagt, wussten schon die alten Griechen. Und so erfanden sie zum Staatswesen auch gleich noch die Rhetorik, welche zur politischen Meinungsbildung und vor allem dazu dienen sollte, die andern von der eigenen Meinung zu überzeugen. Die Kunst der Beredsamkeit hat seither nicht an Bedeutung verloren – im Gegenteil. In der Informationsgesellschaft entscheiden nach wie vor die rhetorischen Fähigkeiten darüber, ob ein Politiker es weit bringt oder im Mittelmass versumpft. Schliesslich geht es in der Politik ja nicht in erster Linie darum, was man sagt, sondern vor allem, wie man es sagt.
Rhetorik und Ausstrahlung sind heute auch deshalb so wichtig, weil Politik vornehmlich medial vermittelt wird und die Medien heute weder Zeit noch Raum bieten, komplexe Sachverhalte auszuführen. Es geht also vor allem darum, zu überzeugen, gut rüberzukommen, das richtige Gefühl zu vermitteln. Studien hätten ergeben, so Stöhlker, dass Zuschauer nach einer Fernsehdebatte kaum mehr wüssten, wer was gesagt habe. Sie könnten nur noch darüber Auskunft geben, wer besser auf sie gewirkt habe. Ausstrahlung ist alles, wobei sich Politiker darüber klar sein müssten, was sie verkörpern wollten, und dann alles daran setzen, das auch so rüberzubringen.
Mut zum Ego
Daher auch die Tendenz zur Personifizierung der Politik auf einzelne Köpfe. «Mut zum Ich», sagt Stöhlker, «hängt eng mit Rhetorik zusammen.» Denn in einer Zeit, da die Schweiz nicht mehr nur vom Röstigraben, sondern von zahlreichen Rissen durchzogen wird, verlangt das Publikum nach einem starken Ich, das diese Gräben überwinden kann. Die typisch schweizerische Rhetorik sei deshalb auch eine eher bodenständige Rhetorik. Und obschon es auch Ansätze zur grossen, intellektuellen, eleganten Rhetorik gebe, wie sie etwa Kurt Furgler pflegte und woran sich Pascal Couchepin vergeblich versucht habe, sei diese heute im Aussterben begriffen.
Das bedeutet nun aber nicht, dass Redner heute von Sachgeschäften nichts mehr verstehen und nur noch Phrasen dreschen müssen. Im Gegenteil. Nur wer über eine komplexe Materie Bescheid weiss, kann diese auch sinnvoll verkürzen. Wichtiger aber noch ist laut Stöhlker die innere Überzeugung. «Politik ist Mitreissen», sagt der Fachmann. Deshalb seien sich grosse Rhetoriker immer ihres Publikums bewusst, auch wenn sie mit einem Journalisten sprechen, richteten sie sich an die ganze Nation. Und auch Provokationen, wie sie Cédric Wermuth verkörpert, seien ein wichtiges politisches Instrument.
Wir haben uns in der Schweizer Politik nach den grossen Rhetorik-Talenten umgesehen. Stimmen Sie ab, welcher Politiker über die grössten rhetorischen Talente verfügt. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 16.11.2010, 14:27 Uhr
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46 Kommentare
stoehlker hat ganz recht: wermuth muss sich noch in der langzeitdisziplin beweisen. dass wermuth talent hat ist unbestritten, aber er macht einen sehr gemütlichen eindruck. ob der marathon seine stärke ist und ob er - wie bodenmann - auch intellektuell den gegnern - wie köppel und blocher - gewachsen ist, glaub ich nicht. er ist ein jim morrison der politik. jung, kultig und frech... Antworten
Verführen lassen sich nur die Dummen. Das sind sehr viele. Wer übt sich in Politik ohne einer Partei anzugehören? Nur wenige. Das sind die Denker, die keine Vordenker brauchen. Ich gehöre zu ihnen. Schon das Wort Partei an sich, hat etwas sehr Negatives. Wie verwerflich ist es, jemanden verführen zu wollen. Welche Egoisten stehen dahinter? Denken Sie einmal gut nach. Antworten
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