Zwei Schweizer Romandebüts, die aufhorchen lassen
Aktualisiert am 04.01.2012 2 Kommentare
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Christoph Schwyzer: «Wenzel». Roman. Verlag Martin Wallimann, Alpnach 2011, ISBN 978-3-905969-05-4. 160 Seiten, CHF 29.
Maja Peter: «Eine Andere». Roman. Limmat Verlag, Zürich 2011, ISBN 978-3-85791-639-7. 120 Seiten, CHF 29.50.
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Der Luzerner Christoph Schwyzer veröffentlicht nach Kurzprosa und Lyrik erstmals einen Roman, «Wenzel». Von der Zürcherin Maja Peter erscheint mit «Eine Andere» ein feines Debüt, für das sie 2010 den Studer-Ganz-Preis erhalten hat.
Die Gattung Roman verheisst eine stimmige, auserzählte Geschichte mit Anfang und Ende. Die Zürcher Journalistin und Autorin Maja Peter will diese Erwartungen in «Eine Andere» nicht einlösen. Ihre namenlose Protagonistin ist auf der Suche nach einem eigenen Leben. Doch wo damit beginnen in einem zerstückelten Dasein?
Auf der Suche nach dem Leben
«Sie könnte eine Andere sein. Journalistin. Sie will keine neue Identität, nur eine Pause von den Einzelheiten ihres Lebens, die kein Ganzes ergeben.» Das Schlüsselzitat bringt den Konflikt an den Tag. Von selbst ergibt das Leben keinen Sinn, das Individuum muss ihn sich erfinden. Dafür aber wäre sie auch auf die Güte ihrer Umwelt angewiesen.
Maja Peter erzählt Episoden aus dem Alltag einer Frau, die nur lose miteinander verknüpft sind. Sie lässt sich ganz auf Situationen und Momente ein, die allgemeinen Lebensumstände sind nur aus Andeutungen erfahrbar. Daraus aber formt sich dennoch ein sublimes Informationsnetz, das eine lebendige, vitale Person zu erkennen gibt.
Unterordnung am Arbeitsplatz
Die Frau ist unglücklich in ihrem Beruf. Im Arbeitsalltag als Journalistin, später als Werberin lernt sie Demut üben. Wer aufbegehrt, anstatt sich unterzuordnen, fällt auf im Kollektiv der Duckmäuser. Maja Peter beschreibt präzise und mit lakonischer Schärfe, wie die Frau scheitert und wiederholt ihren Job verliert. Darin steckt ein grundlegendes Malaise, das zu Selbstaufgabe und «Burnout» führt.
So aber will die Frau nicht leben, als Untergebene nicht und nicht als Vorgesetzte. Auch das Private glückt ihr so nicht. «'Ich bin anders', denkt sie. Sie ist sich nicht sicher.» Ob alles nur daran liegt, das sich ihr Vater schon früh, vor ihren Augen, aufgegeben hat? Maja Peters Roman voller Auslassungen wirkt in seiner Anlage unspektakulär. Die Autorin findet aber für die tägliche Entfremdung eine stimmige, dichte Sprache, die Eindruck macht.
Christoph Schwyzers Sonderling
Am liebsten wäre «Wenzel» in Christoph Schwyzers gleichnamigem Roman tatkräftig, mutig und ein guter Schriftsteller. Doch das sind alles hehre Wünsche eines Zauderers, der ohne Freunde in einer Altbauwohnung lebt und in einen «von Neonlicht bestrahlten Freilaufstall» pendelt. Hier arbeitet er an einem Gesundheitsmagazin mit.
Bei diesem ungeliebten Job fällt der Eigenbrötler durch sein renitentes Wesen auf. In der Mitarbeiterbesprechung kommt es klar zur Sprache. Wenzel kann sich, wie früher schon, nach der Probezeit eine neue Stelle suchen.
Er macht auch gar keinen Hehl daraus, dass er lieber anderes tut, nahe liegendes: durch die Stadt spazieren, unter Bäumen wandern. Dabei fällt ihm so manches auf, woran andere nur eilig vorübergehen, zum Beispiel die Unterwürfigkeit der Fussgänger gegenüber den verspiegelten Automobilen.
Ein Konservativer im Herzen
Christoph Schwyzer hat mit Wenzel eine Figur geschaffen, die dem Typus des kauzigen Sonderlings entspricht. Wenzel tickt anders als seine geschäftige Umwelt. Dabei erweist er sich als Konservativer im Herzen. Er lebt allein, trägt die Wäsche seines verstorbenen Vaters aus und zaudert trotz allem, sich seinen romantischen Traum vom Schreiben zu erfüllen.
Was Schwyzers Figur dennoch interessant macht, sind seine konzentriert festgehaltenen Wahrnehmungen. Wunderbar beispielsweise das Bild von den Staubflocken, die sich hinter einem Tischbein im Büro verstecken und «bei näherer Betrachtung kunstvolle Gebilde» darstellen. So hält sich das Absehbare mit dem Überraschenden die Waage.
Eine einzige Sensation
Nur einmal widerfuhr Wenzel im Leben etwas Unerwartetes. In Berlin, auf seiner einzigen Auslandsreise, schloss er sich einem dubiosen Menschen an, der ihm die Stadt zeigte und ihn am Ende in seine Bude einlud. Paul, so hiess er, erzählte ihm vom Knabenmörder Haarmann, so dass Wenzel das leise Grauen überkam.
Nichts dergleichen geschah. Nur in den Träumen wird Wenzel weiterhin von Paul verfolgt, und von seinem Vater. Schreiben könnte gegen diese Heimsuchungen helfen.
(omue/sda)
Erstellt: 04.01.2012, 14:26 Uhr
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2 Kommentare
Mir ist doch so, als wär' mir was. Im Lauf der Jahrhunderte lernte der Mensch lesen, schreiben und radfahren. Weshalb wird JOVAN HAUT, das beste schweizerische Geschreibsel der letzten zwölf Monate, in der Achse des Konservativen ausgeblendet? Ich glaube nicht an Zufälle. Nur an schlechtes Timing. Bundesbern muss sich wärmer anziehen Antworten

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