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Der Luxus der Leere

Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 18.08.2010 2 Kommentare

So wohnen Wohnprofis: Der Innenarchitekt und Designer Martin Bölsterli möbliert höchst sparsam.

Nicht mehr als drei, vier Möbel pro Zimmer: Martin Bölsterli in der kargen und trotzdem wohnlichen Küche.

Nicht mehr als drei, vier Möbel pro Zimmer: Martin Bölsterli in der kargen und trotzdem wohnlichen Küche.
Bild: Doris Fanconi

Martin Bölsterli

Der 36-jährige Innenarchitekt und Designer ist eine interessante Figur in der Zürcher Szene. Er richtet vor allem Büro- und Geschäftsräume ein, erstellt Umbauten und gestaltet Ausstellungen, nimmt aber auch an künstlerischen Projekten teil. So war er mit der Idee eines riesigen Findlings am Kunstwettbewerb Limmatquai beteiligt und entwickelt und zeigt mit «annas kollektiv» orts- spezifische Tanzperformances. Daneben ist Bölsterli an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) engagiert. Martin Bölsterli denkt und plant ökologisch und integriert bei seinen Projekten gerne auch Secondhand-Möbel. Er betreibt sein Atelier an der Zürcher Schiffbaustrasse und führt dort zusammen mit dem ETH-Architekten Boris Hitz die Bölsterli/Hitz GmbH. (uh)

«Das Sofa haben wir wieder verkauft», sagt Martin Bölsterli. «Entweder ich stehe, sitze oder liege.» Aber lümmeln, damit kann er nun gar nichts anfangen. Der 36-jährige Schaffhauser wohnt mit seiner Lebenspartnerin Romana Tedeschi in Zürich in einer grossen, preiswerten Altbauwohnung, von der andere nur träumen können: fünf Zimmer, Küche, Bad, mit herrlichen Holzböden, vielen Fenstern und einer Dachterrasse, und das alles in einem Haus aus der Jahrhundertwende nahe beim Museum für Gestaltung. Andere schimpfen über die Wohnungsnot, Martin Bölsterli hatte Geduld. Fünf Jahre hat er auf das Bijou gewartet, und es liegt ihm fern, es nun mit überflüssigen Dingen zu vermöbeln.

Das Nichts ist schön

Bölsterli hat zwar einen Namen, bei dem einem allerlei Behagliches einfallen könnte, doch mit dem Gemütlichen im üblichen Sinn hat er nichts am Hut, «darauf bin ich etwas allergisch», sagt er. Warum? Was hat er gegen weiche Kissen, Vorhänge, einen Teppich unter den Füssen und hübsche Topfpflanzen einzuwenden? Bölsterli, der aussieht wie ein gut gelaunter Langstreckenläufer, erklärt mir das Glück der Leere anhand einer Ecke in der karg möblierten Küche.

Dort sitze ich an einem alten Militär-Klapptisch, auf dem sich in Form von Wasserrändern, Kratz- und leichten Brandspuren die Insignien des Alltagslebens lebhaft abzeichnen. Die Wohnung ist zwar im üblichen Sinn stark untermöbliert, aber sie lebt. In besagter leerer Ecke sehe ich ein Fenster mit alten Beschlägen. Darunter ein eingebautes weisses Schränkchen – aus den 40er-Jahren vielleicht –, dessen Türen minimal mit zwei Haken gehalten werden. Ja, das wars schon. Einem durchschnittlich begabten Menschen würde nicht auffallen, dass sich in dieser Ecke ein kleines Mysterium verbirgt. «Jemand anders würde diese Ecke vielleicht mit einer Pflanze verstellen», sagt Bölsterli. «Mir bringt sie optische Ruhe.»

Auch die anderen Räume zeugen davon, dass hier zwei am Werk sind, die zur leeren Wand ein unverkrampftes Verhältnis haben. Wenige Bilder, im grossen Entree ein leerer, quadratischer Metallrahmen an einer weissen Wand, ein witziges Sinnbild für die Schönheit des Nichts. Als Besucherin mit Freude an Farben ist man dann doch ziemlich dankbar für den guten alten «Schwan» von Arne Jacobsen in herzhaftem Rot, den Lesesessel, der in einem der grosszügigen Räume so viel Platz hat, dass er darüber vermutlich selber staunt.

Lese- wird Arbeitszimmer

Mehr als drei, vier elementare Möbel findet man in keinem Zimmer. Das Bett etwa, ein Klassiker von Alfred Roth, im Gästezimmer; oder ist es eher ein TV-Zimmer? Obwohl Bölsterli ein Profi der Innenarchitektur ist, erkennt man die Nutzung der Räume nicht auf Anhieb. Konventionelle Vorstellungen von einer Einrichtung werden hier nicht bedient. Kalt wirkt die Wohnung dennoch nicht, dazu sind die Lampen stimmungsmässig zu gut gesetzt, ist der Boden zu holzig, sind die einzelnen Möbel zu individuell.

Zum Beispiel ein Schränkchen aus den 50er-Jahren im Schlafzimmer oder ein Bücherregal aus ehemaligen Fussbodenriemen im Lesezimmer. Bölsterli räumt oft um, was bei dieser Einrichtung leicht zu schaffen ist, und er freut sich, wenn das Lesezimmer nach einer gewissen Zeit zum Arbeitszimmer wird oder umgekehrt. In einem Zimmer liegt nicht mehr als eine einsame Yogamatte: «Das ist Luxus», sagt Bölsterli, «ein fast leerer Raum!»

Mensch im Mittelpunkt

Der Mensch stehe im Mittelpunkt, absolut, findet er, man komme mit wenigen, nämlich den richtigen Dingen im Leben aus. Leute, die gern mehr um sich herum haben, könnten sich sinnvollerweise fragen: «Warum nicht Möbel-Sharing mit Nachbarn im Haus betreiben?» Da stellt sich natürlich die Gegenfrage: Kann Bölsterli mit dieser Einstellung anspruchsvolle Hausbesitzer beraten? «Das ist nur bedingt ökonomisch, ist schon klar», meint er. In einer postmodernen Gesellschaft sei es eben schwierig, Verzicht als Fortschritt zu verkaufen.

Aber ein Stuhl von Horgen Glarus sei nun einmal langlebiger und in der Herstellung sozial verantwortungsvoller als ein Stuhl von Billiganbietern, der zu Niedriglöhnen im Osten produziert werde, «das versuche ich meinen Kunden klarzumachen». Wenn er Büro- und Geschäftsräume einrichtet, schlägt er nicht den neusten Stuhl von Vitra vor, sondern er schaut sich auch in Secondhand-Möbelläden um. Im Zürcher «Bogen 33» hat er schon so manche Trouvaille gefunden.

Ohne Strom und Wasser

Martin Bölsterli ist der Konterpart zu einem Innenarchitekten, der das Einrichten gekonnt zur Perfektion treibt. Er liebt das Einfache, Klare, Wahre – auch in der Natur. Zum Beispiel eine Berghütte im Val Madris hoch oben in den Bündner Bergen, karg, ohne Strom und fliessendem Wasser, die er ab und zu mit einigen guten Kollegen bewohnt. «Lustvoll nachhaltig» ist Bölsterlis Diktum, «ökologisch, aber nicht ohne Spass». Als Fundi sieht er sich nicht. Sondern als einer, der in einer Zeit der Normierung und der überhitzten, trendigen «Wohn-Welten» optische Ruhe und Qualität sucht: «Das Leben ist bunt genug, und es erscheint uns oft kryptisch. Da muss man sich nicht noch vermöbeln.»

Beim Abschied fällt mein Blick auf einen prächtigen Gladiolenstrauss, den Bölsterli vor der Etagentür aufgestellt hat. Bunt und prall wie das Leben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2010, 19:49 Uhr

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2 Kommentare

Christoph von Arb

18.08.2010, 09:23 Uhr
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Die Argumente sind verkopft ungemütlich und missionarisch geschmäcklerisch. Der neueste Vitra Bürostuhl ist übrigens ergonomischer und wäre gut für den Nutzer, während der Oldtimer aus dem Bogen 33 wohl primär den Geschmack von Herrn Bölsterli bedient. Antworten


moni sertel

19.09.2010, 10:34 Uhr
Melden

Schade, dass sich Ulrike Hark fotomaessig angepasst hat und der Artikel so sparsam bebildert ist. Der Besitzer - passend zur Kuecheneinrichtung gekleidet - vermittelt mir zu wenig. Ganz sicher sind viel zu viele Wohnungen/Haeuser übermoebliert, dieses Beispiel zeigt mir aber, dass auch Uebertreibung ins Gegenteil nicht das Wahre ist.Freundlichen Gruss aus dem "zugemoebelten" good old Germany! Antworten




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