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Eleganz, Komfort und Sportlichkeit vereint

Von Bruno von Rotz (Zwischengas.com). Aktualisiert am 10.01.2012 1 Kommentar

Ein Sportcoupé mit der Eleganz eines Ferrari, einem Reihensechszylindermotor und Platz für vier Personen, erschwinglich nicht nur für Grösstverdiener – wo gabs das denn?

1/23 Der Traum der gut verdienenden Architekten und Rechtsanwälte in den Sechzigerjahren: Der Fiat 2300 S.
Bild: Bruno von Rotz, Zwischengas.com

   

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Anfangs der Sechzigerjahre war die Luft für den Fiat 2300 S noch dünn. Die Kunden bestellten wie wild und konnten kaum auf die Ankunft ihres neuen Schätzchens warten. Lieferfristen über ein Jahr waren keine Ausnahme.

Doch halt, blättern wir zuerst einmal zurück – zu den Anfängen der neuen Limousine, die den europäischen Automarkt und die Herzen der Branchenkritiker im Sturm eroberte.

Die Limousine definierte die Basis

Fiat war Ende der Fünfzigerjahre eine der dominierenden Automarken in Europa. Vier Limousinenreihen hatte man über die letzten Jahre eingeführt, die älteste war gleichzeitig die grösste der vier und stand nun zur Ablösung an. Hierzu schufen die Leute um Dante Giacosa einen neuen modernen Reihensechszylindermotor, für den zwar neue Produktionsanlagen nötig waren, der aber dafür Synergien mit neuen Vierzylindermotoren bot. Um den 1,8- oder 2,1-Liter-Motor herum entstand eine viertürige Limousine, sachlich durch die interne Design-Abteilung bei Fiat gezeichnet und nur minimal durch Pininfarina im Rahmen eines Beratungsmandates beeinflusst. Offensichtlich aber traf das Aussehen den Nerv der Käufer nicht perfekt.

Die Karosseriefirma Ghia, die gerade den Übergang vom Sonderkarosserienbauer zum Hersteller von Serienfahrzeugen meisterte, nahm sich der Plattform der neuen Limousine an und setzte, als Anziehungspunkt für den Turiner Autosalon von 1960, eine Coupé-Karosserie darauf. Das Resultat wurde 2100 S Special Coupé genannt und stolz auf dem Ghia-Stand präsentiert.

Wer setzte die Zeichenstriche?

Die Leute um Luigi Segre, zu der Zeit bei Ghia am Zepter, zeichneten ein gradliniges und schnörkelloses Coupé, dessen Besonderheit die dreiteilige Heckscheibe und die ungewöhnlich geformten hinteren Seitenscheiben waren. Wer genau die Zeichenstriche setzte, ist nicht eindeutig überliefert. Manche nennen Tom Tjaarda, andere Sergio Sartorelli, die «Automobil Revue» deutete damals auf Luigi Segre als eigentlichen Schöpfer, aber auch Virgil Exner Jr. wird ein Anteil am Team-Design (nämlich die wichtige Heckfenstergestaltung) zugeschrieben. Wer immer es war, sein Produkt basierte auf der unveränderten Limousinen-Plattform, was 2,65 Meter Radstand bedeutete und viel Raum für ein elegantes Design und einen grosszügigen Innenraum für vier Personen schuf.

Ghia kündigte eine Serienproduktion mit bis zu 15 Fahrzeugen pro Tag und eine optimierte 2,1-Liter-Maschine an. Doch so schnell ging es dann doch nicht. Bereits am Genfer Autosalon stand das Coupé dann nämlich auf dem Fiat-Stand, Fiat hatte das fremdgeborene Kind bereits adoptiert. Es sollte aber noch bis zum Turiner Salon von 1961 dauern, bis erstmals Aussenstehende den neuen Wagen probefahren konnten. Das Fahrzeug war inzwischen auf das Niveau der modellgepflegten 2,3-Liter-Limousine hochgezogen worden.

Italiener bekamen den Vorzug

Fiat liess dem neuen Sprössling das ganze Entwicklungsprogramm und alle Möglichkeiten der erweiterten Fiat-Organisation angedeihen. Carlo Abarth zum Beispiel hatte den Motor intensiv überarbeitet und speziell bei der S-Version umfangreiche Änderungen – zwei Weber-Horizontal-Doppelvergaser, angepasste Ventilsteuerzeiten, Überarbeitung des Ventiltriebs – vorgenommen, die den Sechszylinder völlig verwandelten und nach SAE-Norm 150 PS stark werden liessen. Auch fahrwerkstechnisch wurde nichts dem Zufall überlassen. Den Spagat zwischen kosteneffizientem Mitteleinsatz und geringstmöglichen fahrsicherheitsrelevanten Kompromissen schaffte Fiat mit Bravour. Scheibenbremsen ringsum und sorgfältig geführte (Einzel-)Vorder- und Hinterradaufhängungen (Starrachse) zeugen davon.

Das ganze Paket wurde 1961 zum Preis von 2'600'000 Lire oder 25'600 Franken oder 20'900 Mark angekündet, was angesichts des Gebotenen so attraktiv war, dass Fiat beinahe von Bestellungen überrannt wurde und entschied, zuerst einmal die italienische Nachfrage zu befriedigen. Erst im August 1962 kam das erste Fahrzeug in die Schweiz und bald danach wurde auch der deutsche Markt beliefert, wo schon 1961 eine namhafte Zahl an Kunden das Auto praktisch vom Prospekt weg bestellt hatte.

Beeindruckte Branchen-Presse

Das bereits erwähnte erste offizielle Schweizer Fahrzeug wurde dann auch von der «Automobil Revue» im Winter 1962 über 5000 km in einem «Kurztest» (!) bewegt. Die Redakteure lobten das sportliche und luxuriöse Interieur mit Nardi-Lenkrad, die umfangreiche Ausstattung (inklusive Handgas) und die breite Rückbank mit Platz für bis zu vier Kinder. Mit dem Ausspruch «behende wie ein Wiesel» beschrieben die Testfahrer den Motor, der aussen in sattem, männlichem Ton aufheule, sich innen aber leise und gesittet gebe. Hohe Drehfreude und Durchzugskraft wurden als weitere Vorzüge genannt, genauso wie die mit 198,9 km/h hoch angesiedelte Spitzengeschwindigkeit. Das Fahrverhalten beschrieben die AR-Schreiber mit untersteuernd, aber nicht schwerfällig. Der hohe Fahrkomfort sorgte für weitere positive Kommentare, genauso wie der mit 13 bis 15 Litern pro 100 km günstig empfundene Benzinverbrauch.

Reinhard Seiffert von der Fachzeitschrift «Auto Motor und Sport» testete das Fiat-Coupé im Jahre 1963. Ein Reisefahrzeug, kein Stadtfahrzeug sei der Fiat. «Fahren ohne Mühe» war eine der Erkenntnisse, die Seiffert zog. 195 km/h schnell war der Fiat 2300 S und mit 16,1 Litern Benzin pro 100 km ging für die damalige Zeit auch angesichts der hervorragenden Fahrleistungen der Verbrauch in Ordnung. Den Kraftaufwand für das Lenken bei Rangiermanövern und beim Langsamfahren empfand man als hoch, im normalen Fahrzustand sei aber nur wenig Betätigungskraft nötig.

Die «preiswerten Reisesportwagen»

In einem Vergleichstest von «hobby» im Jahr 1964 mit dem in Deutschland fast gleich teuren Mercedes-Benz 230 SL hatte der Fiat dann doch einen relativ schweren Stand, denn das deutsche Sportcabrio beschleunigte besser (0 bis 100 km/h in 9,8 statt 10,7 Sekunden) und war auch etwas schneller (201 statt 197 km/h). Die Schlussfolgerung mündete denn auch in der Empfehlung, den Mercedes zu nehmen, wenn nur zwei Personen zu transportieren und technische Finessen gefragt seien, aber zum Fiat zu greifen, wenn mehr Transportkapazität und Praxistauglichkeit wichtig seien. Beide Wagen erhielten Bestnoten für Leistung und Fahrkomfort. «Preiswerte Reisesportwagen» lautete schliesslich das Verdikt für beide Fahrzeuge, wobei preiswert nicht mit billig verwechselt werden durfte.

Anzumerken wäre bei diesem Vergleich, dass der Fiat 1964 zwar in Deutschland preislich auf gleicher Höhe mit dem 230 SL lag, in der Schweiz aber gute 4000 Franken oder den Gegenwert eines neuen Fiat 500 D günstiger als der Mercedes zu stehen kam. Angemessener wäre zudem ein Vergleich mit den ähnlich antretenden Alfa 2600 Sprint, Lancia Flaminia Coupé oder Mercedes-Benz 220 SE Coupé gewesen.

Ein Gran-Turismo, wie er im Buche steht

Nähert man sich heute dem glattflächigen Coupé, das mit 4,62 Metern Länge, 1,63 Metern Breite und 1,37 Metern Höhe sofort auffällt, muss man seine Schöpfer unwillkürlich bewundern. Noch heute strahlt der Fiat 2300 S Eleganz und zurückhaltende Schönheit aus, er wirkt teuer und edel. Selbst Stahlräder und Radkappen kreidet man ihm nicht an.

Im Innern trifft man auf das Sportwagenflair der frühen Sechzigerjahre und fühlt sich sofort wohl. Bequeme Sitze und eine gute Sitzposition, vor allem aber eine lichtdurchflutete Kabine und übersichtliche Rundinstrumente laden zum Losfahren ein. Der Motor gibt ein grollendes Geräusch von sich, das einen mehr an das Herz des Fiat Dino (V-Motor) als an den typischen Reihensechszylindersound erinnert. Das Getriebe lässt sich butterweich schalten. Gas, Bremse und Kupplung erfordern keine paranormalen Fähigkeiten. Unter 3000 Umdrehungen tut sich wenig, darüber werden die Geister des Abarth-getunten-Motors wach und auch seine Lautäusserungen fallen mehr auf. Man spürt, dass sich der 2300 S in langgezogenen Kurven und auf der Autostrada wohler fühlt als auf engen Serpentinen oder im Grossstadtdschungel und man geniesst jeden Kilometer Fahrt. Wäre der Film «The Italian Job» einige Jahre früher gedreht worden, der genusssüchtige Gangster in der Eröffnungsszene hätte vielleicht ein Fiat-Coupé gefahren und nicht einen Lamborghini Miura.

Ein wenig Evolution und Weiterentwicklung

Eine ganze Reihe von Schwestern und Brüdern gesellte sich zum Serien-Coupé, Pininfarina baute gleich mehrere Sonderkarosserien auf der 2300er-Basis, Michelotti baute ein Coupé mit eigenwilliger Front, Moretti stellte 1964 einen 2500 SS vor und auch Ghia vermehrte die Familie mit einer Sportkombi-Variante, einem Cabriolet und dem amerikanisch beeinflussten 230S mit Vieraugengesicht.

Während seines sieben aktive Jahre dauernden Lebens bis 1968 wurden am Fiat 2300 (S) Coupé nur kleine Details angepasst. 1963 – Kenner sprechen von der Serie 1b – orientierte man sich in der Technik an der 2300 De Luxe Limousine und liess auch die schicken rahmenlosen Seitenscheiben verschwinden. Im August 1964 wurden – mit der Serie 2 – einige Karosserie- und Ausstattungsdetails angepasst, so erhielt das Coupé (vorübergehend) andere Radkappen sowie praktische Lufteinlässe zwischen Vorderrädern und Seitentüren, andere Sitze, Türverkleidungen und Armlehnen sowie ein Armaturenbrett aus Holz.

Mit dem Erscheinen des Fiat Dino Coupés wurde der 2300 S obsolet. So richtig geliebt hatte Fiat den Zögling wohl nie.

Preise tendenziell steigend

Der Fiat 2300 S ist kein Studentenauto. Die Technik gilt zwar als zuverlässig, Unterhalt und Reparaturen sind aber nichts für kleine Sackgeldportionen und verlangen zudem nach mechanischem Feingefühl und viel Fachwissen.

Trotz seiner Exklusivität – im Fiat-2300-Register sind rund 200 Fahrzeuge gemeldet, man kann daher davon ausgehen, dass weltweit total weniger als 300 Autos übrig geblieben sind – sind die Preise noch nicht auf Ferrari-Niveau angelangt. Allerdings können seit ein paar Jahren sanft steigende Preise beobachtet werden. Ein gutes Coupé sollte seinem neuen Besitzer schon mindestens 30'000 Franken wert sein, wegen der potentiell hohen Restaurationskosten empfiehlt sich einmal mehr, das bestmögliche Fahrzeug zu erstehen.

Ist man dann stolzer Eigner, kann man sich nicht nur wie Marcello Mastroianni im Sonntagsanzug fühlen, sondern dürfte auch beim nächsten Oldtimertreffen eine erfreuliche Abwechslung zum üblicherweise vorhandenen Fahrzeugangebot bieten.

Wir danken dem Besitzer für das freundliche Zurverfügungstellen seines wunderschönen Coupés der zweiten Serie mit Jahrgang 1966.

Weitere Informationen, viele historische und aktuelle Fotos, ein Originalverkaufsprospekt sowie ein Tonmuster des Reihensechszylinders finden sich auf Zwischengas.com (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.01.2012, 12:08 Uhr

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1 Kommentar

Mike Dreher

11.01.2012, 19:44 Uhr
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Es war mein erster "richtiger" Wagen ex-HSG. Eine Industriellengattin In Schaffhausen hatte ihn mir siebenjährig, buchmässig abgeschrieben für CHF 4,800 verkauft. Der Marktwert lag jedoch bei etwa 12,000, dies mit gerade mal 33,000 km. Man war auf den wenigen Autobahnen sowie auf der noch unlimitierten Landstrasse ganz vorn dabei. Ein phantastisches Auto. Aber das Markenimage stimmte leider nicht Antworten



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