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Die Meisterprüfung

Von Thomas Geiger. Aktualisiert am 02.03.2011

Mit dem neuen Aventador LP 700-4 stiehlt Lamborghini am 81. Genfer Auto-Salon Ferrari die Schau. Der neue Supersportwagen mit 700 PS übespringt «mindestens eine Generation».

Laut Stephan Winkelmann überspringt der neue Supersportwagen «mindestens eine Generation». Der 700-PS-Renner kostet 303 450 Euro.

Laut Stephan Winkelmann überspringt der neue Supersportwagen «mindestens eine Generation». Der 700-PS-Renner kostet 303 450 Euro.
Bild: Lamborghini

Machtzentrum: Fahrer des Aventador regieren über 700 PS. (Bild: Lamborghini)

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Die Geschichte ist schon so oft erzählt, doch sie ist einfach zu schön, um sie nicht noch einmal zu bemühen. Schliesslich geht spätestens in diesem Sommer der alte Traum von Ferruccio Lamborghini in Erfüllung, der nur deshalb den besten Sportwagen der Welt entwickeln wollte, weil ihn Enzo Ferrari einst als Traktorbauer beschimpft und ihm keinen Job in der Konstruktion gegeben hat. So sann er auf Rache und gründete 1964 seine eigene Marke, die – seit 1998 unter dem Dach des deutschen VW-Konzerns – der Konkurrenz aus Maranello nun endgültig davonfährt.

700 PS stark, 350 km/h schnell

Denn während Ferrari den Supersportwagen auf dem Genfer Salon mit dem neuen Top-Modell FF optisch schon fast zur «Familienkutsche» degradiert, schicken die Entwickler in Sant’Agata exakt zehn Jahre nach dem Debüt des Murciélago jetzt einen neuen Tiefflieger auf die Überholspur: 700 PS stark, 350 km/h schnell und so scharf gezeichnet, wie ein Skalpell geschliffen, will der Aventador LP 700-4 der ganzen Welt beweisen, was schon der Firmengründer behauptet hat: Die besten Sportwagen heissen Lamborghini.

«Kein anderer Supersportwagen ist mit unserem neuen Flaggschiff zu vergleichen», tönte deshalb Firmenchef Stephan Winkelmann stolz bei der Enthüllung und sprach vom neuen Massstab seiner Klasse, der mindestens eine Generation überspringe und die Zukunft des Genres zur Gegenwart mache.

Dieser Stolz basiert natürlich nicht allein auf dem bitterbösen Design des Neulings, der sich kaum 1,20 Meter tief auf die Strasse duckt, durch seine riesigen Lufteinlässe wohl jeden Kleinwagen einsaugen könnte und so scharf gefalzte Bleche trägt, dass man bei jeder Berührung Angst vor Schnittwunden haben muss. Sondern auch technologisch reklamiert Winkelmann diesmal eine Führungsposition für den 4,78 Meter langen Zweisitzer: Als erstes Auto seiner Art besteht der Aventador fast vollständig aus einer Karbonstruktur, die in einem halbwegs maschinellen Prozess hergestellt wird.

Monocoque aus Kohlefaser

Nicht von Hand geschnitten und gebacken wie zuletzt beim Mercedes SLR, sondern wenigstens zum Teil automatisiert, entsteht so zum Beispiel ein nur knapp 150 Kilogramm schweres Monocoque aus Kohlefaser. Dazu gibts ein Chassis aus Karbon und Aluminium und am Ende ein Trockengewicht von 1575 Kilogramm – 75 Kilo weniger als beim Vorgänger.

Hinter den Sitzen und auf Wunsch auch unter Glas montieren die Italiener einen neuen 12-Zylinder, der mit dem Aventador buchstäblich leichtes Spiel hat: Aus 6,5 Litern Hubraum schöpft das Aggregat, dessen Limit erst weit jenseits von 8000 Touren liegt, 700 PS und ein Drehmoment von 690 Nm. Damit spurtet der Aventador innert 2,9 Sekunden auf Tempo 100 und danach weiter bis 350 km/h. Die Karbonkarosse und der neue Motor verbessern nicht nur das Leistungsgewicht als Relation von Kilowatt und Kilogramm, sondern sie drücken auch den Verbrauch: Obwohl knapp 10 Prozent stärker, ist der Lamborghini deshalb mit etwa 20 Prozent weniger Sprit zufrieden. Aber erstens sind das dann selbst im Normzyklus noch immer 17,2 Liter. Und zweitens ist das dem Lamborghini-Kunden genauso egal wie der Preis, der mit dem Generationswechsel die nächste Schallmauer knackt und nun bei 303'450 Euro liegt.

Mehr Wert legen die Käufer eines Supersportwagens auf ganz andere Zahlen – zum Beispiel die 50 Millisekunden, die das neue Getriebe bestenfalls für den Gangwechsel benötigt. Denn zum ersten Mal in einem Strassenauto kommt bei Lamborghini eine Schaltung mit sogenannten Independent Shifting Rods (ISR) zum Einsatz, für die ein manuelles Siebenstufengetriebe automatisiert wird. Das schaltet nicht nur schneller als je zuvor, sondern braucht auch weniger Platz und ist nur halb so schwer wie eine Automatik mit Doppelkupplung. Ebenfalls eine Serienpremiere feiert das Fahrwerk mit sogenannten Pushrods, das Lamborghini aus der Formel 1 entlehnt hat. Zusammen mit dem traditionellen Allradantrieb, einem Heer elektrischer Helfer und natürlich der ausgefeilten Aerodynamik soll es dafür sorgen, dass der Tiefflieger nie die Bodenhaftung verliert.

Ein kapitaler Bulle Wie immer in der jüngeren Geschichte trägt auch der Neuling passend zum Markenlogo den Namen eines Kampfstiers und erinnert in diesem Fall an einen kapitalen Bullen, der Haut und Hörner 1993 in der Arena zu Saragossa besonders teuer verkauft hat. Jedoch hat der Name im Spanischen angeblich noch eine zweite Bedeutung, die mindestens genauso gut zu dem Boliden passt: Aventador, so ist es im Internet nachzulesen, ist nämlich auch der gepflegte Tritt in den Hintern. Gut möglich, dass man sich deshalb bei Ferrari & Co. bald den Hosenboden reibt.

Auto-Salon Genf

Der 81. Internationale Auto-Salon in Genf öffnet seine Tore vom 3. bis 13. März 2011. Wochentags sind die Palexpo-Hallen von 10 bis 20 Uhr geöffnet, am Wochenende von 9 bis 19 Uhr.

www.salon-auto.ch (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.02.2011, 16:25 Uhr

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