Im Schatten der Grossen
Von Dieter Liechti. Aktualisiert am 05.03.2011
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Die Autohersteller habens gut: Während die Modefarbe im Fashion-Business bis zu 4 Mal pro Jahr wechselt, können sich Manager und Strategen im Auto-Business bereits seit 4 Jahren darauf verlassen, dass die Modefarbe der Saison «Grün» ist. Und bleibt. Allerdings ist damit nicht etwa die Lackierung gemeint, sondern die Gesinnung, die Technik.
Und nachdem die Medien schon seit Jahren von Elektroautos, Plug-in-Hybriden und Brennstoffzellen berichten, scheint die Botschaft nun auch bei den Schweizer Kunden angekommen zu sein. Denn wie die neusten Verkaufszahlen von Auto-Schweiz belegen, konnten Autos mit «Alternativ-Antrieb» in den ersten beiden Monaten des Jahres zulegen. Dem Plus des Gesamtmarktes von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr steht bei den Fahrzeugen mit «Alternativ-Antrieb» ein Plus von 23,1 Prozent gegenüber – das entspricht der Steigerung des Marktanteils von 2,0 auf 2,2 Prozent.
Welttournee mit Elektro-Rolls
Kein Wunder also, dass in Genf auch die ganz Grossen und ganz Teuren mit grünen Ideen spielen: Rolls-Royce zeigt den Phantom mit einem üppigen E-Werk, Porsche den Panamera als Hybrid und Lamborghini schwört beim Optimieren des Verbrauches des neuen Supersportlers Aventador auf den Leichtbau. Drei Wege, ein Ziel: die Senkung des Flottenverbrauchs.
Während Porsche und Lamborghini mit ihren Modellen ernst machen, wollen die zur BMW Group gehörenden Briten zuerst einmal die Marktchancen ihres sauberen Luxusliners – das Auto läuft unter dem Motto Phantom Experimental Electric – vom reichen Publikum und Kundenkreis begutachten lassen. Dazu rollt der 102EX nach dem Salon statt mit einem brabbelnden 6,75-Liter-V12-Motor völlig geräuschlos mit zwei Elektromotoren aus dem Auto-Salon. Aber nicht etwa zurück in die Garage, sondern auf eine weltweite Tournee. «So können wir direkt bei der potenziellen Kundschaft abchecken, wie sie neuen Techniken gegenübersteht», so Rolls-Royce-Vorstandschef Torsten Müller-Ötvös in Genf.
Testfahrten als Publikumsmagnet
Von solchen Plänen und Wünschen kann man wenige Meter hinter dem edlen Rolls-Royce-Stand nur träumen – denn im sogenannten Pavillon Vert drehen die echten Alternativautos ihre Runden. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Denn während man in den grossen Hallen die edlen Technikträger zum grössten Teil nur von weitem Bestaunen kann – Zugang zu den Ständen gibts oftmals nur mit einer persönlichen Einladung – stehen im Pavillon Vert gleich mehrere Elektrofahrzeuge für kurze Probefahrten parat.
«Diese Testfahrten kommen bei den Besuchern ganz hervorragend an», freute sich Tony Staub, Koordinator und Kommunikationsverantwortlicher des Pavillon Vert nach dem ersten offiziellen Messetag. «Am Donnerstag und am Freitagmorgen waren alle Fahrzeuge permanent unterwegs.» Dabei freut sich der ehemalige PR-Mann von Cadillac vor allem über die Tatsache, dass sich Jung und Alt, Mann und Frau gleichermassen für die alternativen Autos interessieren. «Es ist also keineswegs so, dass sich hier bei uns nur Ökos oder Technikfreaks für die Mobilität der Zukunft neugierig zeigen.»
Intelligente Autos, schräge Namen
Von den 13 verschiedenen Autos, die für die Probefahrten zur Verfügung stehen, sind mit Ausnahme des Chevrolet Volt – ein Elektroauto mit Range Extender – alles reine Stromer. Am beliebtesten sind natürlich jene Autos der Grosshersteller, die schon auf dem Markt sind (der Mitsubishi i-MiEV) oder demnächst auf den Markt kommen, wie der Nissan Leaf. Wer mit einem dieser Autos eine Runde drehen will, muss sich wegen des Andrangs ein paar Minuten gedulden.
Und er muss sich schnell daran gewöhnen, dass die Glanz-und-Gloria-Welt der anderen Hallen im Pavillon Vert ausgeglitzert hat. Dort, wo sich kleine, aber intelligente Stromer mit schrägen Namen wie Twizy, Green-Tech GT1, Weez, Softcar Upgo oder die Angebote der Migros-Tochter m-way präsentieren, heisst das Motto «Budget» und nicht «Premium». Zwar wirken die Stände nun auch im Vergleich zu den Messebauten der edlen Marken nicht mehr wie Flohmärkte, doch so richtig Stimmung will auf dem grünen Rasenteppich im Vergleich zur Champagnerlaune nebenan trotzdem nicht aufkommen.
«Wir sind mit den Besucherzahlen sehr zufrieden», entgegnet da der Verantwortliche Tony Staub. «Wir liegen optimal zwischen den Hallen 6 und 7 und ich bin davon überzeugt, dass ein Grossteil der Salon-Besucher in diesem Jahr auch im Pavillon Vert reinschaut.»
Calmy-Rey und Piccard
Das bleibt wohl Wunschdenken. Denn viele Studien oder Konzeptfahrzeuge mit zukunftsträchtigen Techniken und alternativen Antrieben locken bei den Herstellern direkt und nicht im Pavillon Vert. Trotzdem hat dieser in diesem Jahr eine noch nie dagewesene Fülle an Premieren und Marken zu bieten, wie Tony Staub betont: «Der Weg zu uns lohnt sich – wir sind stolz, auf 2400 Quadratmetern mit 21 Ständen und 36 Ausstellern gleich 17 Weltpremieren, 2 Europapremieren und 4 Schweizer Premieren zu präsentieren. Eine solche Vielfalt an Autos hat es noch nie gegeben.» Das stimmt. Und deshalb erstaunt es auch nicht weiter, dass Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey am Eröffnungstag (gestern im «Tages-Anzeiger») besonders lange im Pavillon Vert verweilte. «Und Betrand Piccard war übrigens auch schon hier», macht Staub weiter Werbung in der guten, grünen Sache. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.03.2011, 08:29 Uhr
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