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Kleines Land, diplomatische Grossmacht

Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 17.01.2012 15 Kommentare

Dass die Taliban in Katar ihr erstes Auslandsbüro eröffnen, ist ein Erfolg für das nach diplomatischem Einfluss strebende Golf-Emirat. Hinter dem Coup steckt allerdings mehr.

1/4 Manhattan der Wüste
Öl und Gas haben Katar reich gemacht: Inzwischen ist Doha auch regionalpolitisch zum wichtigen Player geworden.
Bild: Reuters

   

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Al-Jazeera

Der arabische News-Sender al-Jazeera steht unter der Kontrolle des Emirats. In den Wirren des arabischen Frühlings hat die Fernsehstation vermehrt aus dem Lager der Aufständischen berichtet. Beobachtern ist auch aufgefallen, dass man sich in jüngster Zeit mit Berichterstattung aus Saudiarabien zurückhaltender gibt als auch schon. Gleiches gilt für Bahrain. In diesen Aktivitäten spiegeln sich in groben Linien die Interessen des Staates Katar wieder. (cpm)

Katar

Der reiche Golfstaat Katar verfügt über Öl- und vor allem Gasreserven. Daneben wird der Tourismus aufgebaut. Bekannt ist Katar inzwischen auch für ein sich entwickelndes Bankensystem. Die Staatsbürgerschaft besitzen nur gut 200'000 Menschen. Im Land leben aber knapp zwei Millionen Menschen, wovon die meisten Gastarbeiter sind. Staatschef ist Emir Sheikh Hamad bin Khalifa Al Thani. Regierungschef sein Sohn.

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So richtig Notiz nahm die westliche Welt von Katar letztmals, als am Fifa-Hauptsitz in Zürich im Dezember 2010 die Fussball-WM 2022 ins Golf-Emirat vergeben wurde. Die katarische Delegation sprang auf und jubelte lauthals. Aufgesprungen ist zu Hause vermutlich auch der Emir, Sheikh Hamad bin Khalifa Al Thani. Die Austragung des weltgrössten Sportanlasses passt ins Bild des sich auf der internationalen Bühne immer deutlicher bemerkbar machenden Kleinstaates.

Katar und mit ihm seine Hauptstadt Doha sind quasi zu einer diplomatischen Grossmacht aufgestiegen. Man hat vielerorts seine Finger im Spiel, vermittelt in manchen Konflikten und hat nun mit der Ansiedlung des Taliban-Büros, der ersten Auslandsvertretung, einen kleinen Coup gelandet. Dass dies nicht einfach so gelang, erklärt Nahost-Experte André Bank vom Hamburger Giga-Institut: «Da ist vermutlich einiges an Geld geflossen.»

Neuer Libanon-Präsident in Doha beschlossen

Schon seit Jahren ist Katar auf dem diplomatischen Parkett ein ernst zu nehmender Player. «Erfolgreich hat das Emirat 2008 im Libanon zwischen der Hizbollah und dem Hariri-Lager vermittelt. Die Einsetzung von Präsident Michel Suleiman wurde an diplomatischen Treffen in Doha ausgehandelt», sagt Bank. Mit am Tisch sass damals – als Juniorpartner – auch die Türkei.

Dass nun das Taliban-Verbindungsbüro nach Doha geholt wurde, wertet Bank folgendermassen: «Es ist auf jeden Fall ein Zeichen, dass man sich nun auch überregional engagieren will.» Bei der Vermittlerrolle zwischen den Taliban und westlichen Interessen in Afghanistan wähnt Bank auch Saudiarabien mit im Boot. «Die Katarer haben gemerkt, dass sie ihre Funktion nicht im Alleingang bewältigen können.» Und in Riad vermutet man Kontakte zu den Taliban.

Der Emir will eine zentrale Rolle spielen

Entdeckt haben auch die Amerikaner die Bestrebungen des Emirs von Katar. Der wichtigste Militärstützpunkt der USA im Nahen Osten befindet sich in dem Kleinstaat. 13'000 Soldaten sind dort stationiert. Den Irak-Krieg kommandierten die US-Streitkräfte von Katar aus. Das ganz grosse Ziel aber heisst heute für die USA: «Die Eindämmung des Iran im Mittleren Osten», wie Bank erklärt.

Und was hat eigentlich der kleine Golfstaat von all den Engagements? Wirtschaftlichen Einfluss spricht Bank den Vorstössen Katars mehrheitlich ab. «Der Emir von Katar versucht sich als zentraler Akteur zu positionieren, er möchte ein grosser Staatsmann werden», erklärt der Nahost-Experte. Tatsächlich hat Hamad bin Khalifa Al Thani 1995 seinen Vater gestürzt und damit dem isolationistischen Kurs des Landes ein Ende bereitet.

Vom Vermittler zur Partei

Derzeit hat Katar den Vorsitz der Arabischen Liga inne. In dieser Funktion forderte Katar jüngst den Einsatz von Truppen arabischer Staaten in Syrien. Bank entdeckt hier eine Neuerung der Rolle Katars, nämlich vom Vermittler zum Akteur. «Das hat auch der Libyen-Konflikt gezeigt, in dem sich das Emirat mit Kampfjets und Truppen an der Unterstützung des Aufstands beteiligt hatte», so Bank.

Die neue Rolle ist aber auch eine Gratwanderung. «Wenn man sich einseitig engagiert, wird das Vermitteln schwieriger», sagt der Experte. Bank glaubt auch, dass dem Land allein schon durch die personelle Situation Grenzen in der Diplomatie gesetzt sind. «Die katarische Aussenpolitik ist unterdotiert.» Im Sudan und im Jemen waren zudem die diplomatischen Offensiven Katars wenig erfolgreich. Und nicht zuletzt muss man sich fragen, inwiefern die diplomatische Offensive an die Person des Emirs gebunden ist. «Was, wenn er stirbt», fragt der Arabien-Kenner zu Recht.

Hamas will nicht nach Doha

Dass das diplomatische Netz nicht einfach so immer grösser wird, zeigt übrigens das Beispiel Hamas. Die politische Führung im Gazastreifen ist auf der Suche nach einem neuen Aussenposten, nachdem das Büro in Damaskus in den Bürgerkriegswirren geschlossen wurde. Vor gut 10 Jahren schon einmal in Katar, hat die Hamas nun signalisiert, dass das Emirat diesmal wohl nicht berücksichtigt wird. Und Bank macht klar, was der Entscheid für den neuen Gastgeber des Hamas-Aussenpostens bedeutet: «Das ist eine prestigeträchtige Sache.» Sprich: Man spielt in den vielfältigen Nahost-Verhandlungen eine wichtige Rolle und übt damit Einfluss aus. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.01.2012, 15:48 Uhr

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15 Kommentare

Parvaneh Ferhadi

17.01.2012, 16:02 Uhr
Melden 45 Empfehlung

Leider hat der Autor unter anderem vergessen auch die Rolle von Qatar in der gewalttätigen Niederschlagung der friedlichen Demokratiebewegung im Bahrain hinzuweisen. Das macht den Ruf des "kleinen Autos mit der grossen Hupe" nach militärischen Eingreifen in Syrien besonders interessant weil es von der Heuchelei des Regimes, welches von Demokratie zu Hause überhaupt nichts hält, deutlich.. Antworten


Franziskus Bachmann

17.01.2012, 18:37 Uhr
Melden 15 Empfehlung

Qatar tanzt nach der Pfeife der USA, welche hier sehr prägnant vertreten sind. Der Scheich selbst hat sehr grosse
Investments ( Dutzende Milliarden) in den USA.
Die Taliban-Filiale passt vorzüglich nach Doha, wo die Amis ihren teilweisen Rückzug aus Afghanistan mit der Gegenpartei auf 'neutralem' Territorium aus-und verhandeln können. Bank legt zu viel Gewicht auf dieses abgekartete Spiel
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