In Caracas sind nicht einmal die Diplomaten mehr sicher
Von Sandro Benini. Aktualisiert am 02.02.2012
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Caracas gehört zu den gefährlichsten Grossstädten der Welt. Die Mordrate liegt bei fast 50 Fällen auf hunderttausend Einwohner – mehr als doppelt so hoch wie im vom Drogenkrieg erschütterten Mexiko. Laut offizieller Statistik ereignen sich im ganzen Land täglich 23 Entführungen, davon fünf in der Hauptstadt. Für den Präsidenten Hugo Chávez ist die Kriminalitätswelle eine Peinlichkeit sondergleichen – denn mit seinen Behauptungen, dem Land gehe es dank der bolivarianisch-sozialistischen Revolution viel besser als früher, verträgt sich diese soziale Plage nicht. Kürzlich hat er der Opposition vorgeworfen, sie würde auch Selbstmörder und Verkehrstote zu den Opfern der Gewalt zählen. Überzeugt hat das ausser seinen treusten Anhängern niemanden.
Ausgerechnet Mexikos Botschafter wurde gekidnappt
Diese Woche hat sich in Caracas ein Vorfall ereignet, der dem Image der Regierung besonders schadet – viel mehr, als wenn ein Normalbürger betroffen ist: Vier schwerbewaffnete Männer kidnappten den mexikanischen Botschafter, als er kurz nach Mitternacht mit seiner Frau von einem diplomatischen Empfang nach Hause fuhr. Vier Stunden lang blieben die beiden in der Gewalt der Verbrecher, ehe sie unversehrt wieder freikamen. Das mexikanische Aussenministerium verlangte von den venezolanischen Behörden, den Fall schnell und lückenlos aufzuklären und die Täter zu verhaften. Allerdings ist ausgerechnet Mexiko das Land, in dem sich weltweit am meisten Entführungen ereignen.
Der venezolanische Innenminister beeilte sich zu versichern: «Sobald wir von dieser bedauernswerten Situation erfahren haben, ist die Polizei mit einem derartigen Aufgebot ausgerückt, dass die Verbrecher den Herrn Botschafter und seine Gattin freilassen mussten.» Anderen Quellen zufolge wurde ein Lösegeld bezahlt.
Chilenischer Generalkonsul erlitt Schussverletzung
Kriminelle drangsalieren Diplomaten – dieses Szenario scheint in Caracas häufig zu werden. Am vergangenen 11. November traf es den chilenischen Generalkonsul. Er hatte soeben einen Freund zu einem Hotel gebracht, als ihn eine Gruppe Bewaffneter für zwei Stunden kidnappte. Der Diplomat erlitt eine leichte Schussverletzung. Einige Monate zuvor wurde der bolivianische Militärattaché gekidnappt und gezwungen, sein Haus zu öffnen. Die Täter raubten es aus, flohen jedoch, als sie bemerkten, dass ihr Opfer zum diplomatischen Corps gehört. Der Sohn des vietnamesischen Botschafters wurde für zwei Stunden entführt, als er von einer Party nach Hause kam.
Am 28. Mai 2011 überfielen drei Männer einen Angestellten der mexikanischen Botschaft vor dessen Haustür – ihre Beute war ein Jeep Cherokee. Ein identisches Fahrzeug wurde einen Monat später einem Angestellten der britischen Botschaft gestohlen, und im Jahr zuvor hatte ein Kommando die Residenz des griechischen Botschafters überfallen.
Klagen ist nutzlos
Die Diplomaten, die in Caracas ihren Dienst verrichten müssen, haben sich beim venezolanischen Aussenministerium beschwert – ohne greifbare Ergebnisse. Bis im April 2011 war eine 400-köpfige Sondereinheit der Polizei damit beauftragt, Botschaften, Konsulate und Diplomatenresidenzen zu beschützen. Die Truppe wurde aufgelöst. Den Diplomaten bleibt nun nichts anderes übrig, als sich selber um ihre Sicherheit zu kümmern – etwa, indem sie private Leibwächter engagieren oder ihre Fahrzeuge panzern lassen. Die Schweizer Botschaft in Caracas verweigert jede Auskunft. Weder ist zu erfahren, ob das Personal schon einmal Opfer von Gewaltverbrechen wurde, noch ob die Botschaft irgendwelche besonderen Massnahmen getroffen hat.
Die Verbrechenswelle in Venezuela sei keinesfalls eine Tatsache, sondern lediglich «ein Gefühl» – behauptet die Regierung. Und dieses Gefühl werde von den oppositionellen Medien geschürt, um die Glaubwürdigkeit der bolivarianischen Revolution zu untergraben. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.02.2012, 11:17 Uhr
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