Abo · Inserate · Wetter: Interlaken 8°bewölkt, etwas Regen

Ausland

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Escobars Sohn versöhnt sich mit den Opfern seines Vaters

Von Sandro Benini, Mexico City. Aktualisiert am 30.10.2009 7 Kommentare

Der Sohn von Drogenboss Pablo Escobar reicht den Opfern seines Vaters die Hand - und sie nehmen sie an. Für Kolumbien hat die Geste eine enorme Bedeutung.

Nur äusserlich gibt es Ähnlichkeiten: Juan Pablo Escobar auf dem Schoss seines Vaters Pablo.

Nur äusserlich gibt es Ähnlichkeiten: Juan Pablo Escobar auf dem Schoss seines Vaters Pablo.
Bild: PD

Die fünf Männer, die sich in einem Hotel in Bogotá die Hand zur Versöhnung reichten, hatten eines gemeinsam: Ihre Väter waren gewaltsam ums Leben gekommen, wobei der eine Vater den anderen ermorden liess, bevor er selber von der Polizei erschossen wurde.

Ihre Familiennamen sind mit der blutigsten Epoche der jüngeren kolumbianischen Geschichte verknüpft, sie stehen für ruchloses Verbrechertum auf der einen und für Heldenhaftigkeit auf der anderen Seite. Vergangenes Jahr traf sich Juan Pablo Escobar, der Sohn des legendären Drogenbarons, mit den drei Gebrüdern Galán und mit Rodrigo Lara Restrepo – den Söhnen des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Luis Carlos Galán und des ehemaligen Justizministers Rodrigo Lara Bonilla.

Ein Film gibt den Anstoss

Die Begegnung ist Teil eines Dokumentarfilms, den der argentinische Regisseur Nicolás Entel über den jungen Escobar gedreht hat. Er trägt den Titel «Die Sünden meines Vaters» und feiert am 12. November Premiere. Zunächst wird er an einem Filmfestival im argentinischen Mar del Plata gezeigt, später am International Documentary Film Festival in Amsterdam.

Auf dem US-Nachrichtensender CNN war kürzlich ein Ausschnitt zu sehen, in dem Juan Pablo Escobar zu seinen Gesprächspartnern sagt: «Letztlich sind wir alle Waisenkinder.»

Für ein Land, dessen Geschichte von gewaltsamen politischen Kämpfen, Drogenkartellen und Guerillakriegen geprägt ist und in dem sich ideologisch verfeindete Lager noch heute hassen bis aufs Blut, hatte das Treffen eine enorme symbolische Bedeutung.

Kolumbien im Jahre 1984: Pablo Escobar, der Boss des Drogenkartells von Medellín, bekämpft den Staat und seine Institutionen mit gnadenlosem Terror. Zuvor hat er die Armen seiner Heimatstadt Medellín mit derart grosszügigen Geschenken überhäuft und so viele Lokalpolitiker bestochen, dass ihm der Einzug ins nationale Parlament gelungen ist.

Escobar entfesselt einen Krieg

Doch Justizminister Lara Bonilla beeindruckt die penetrante Selbstsicherheit des Neo-Abgeordneten nicht. Er bezeichnet ihn öffentlich als Drogendealer und erreicht, dass das Parlament seine Immunität aufhebt. Am 30. April 1984 stoppt ein Killerkommando auf der Avenida 127 in Bogotá den Mercedes des Politikers und eröffnet das Feuer. Schwer verletzt schleppt sich Lara Bonilla nach Hause, der damals achtjährige Rodrigo öffnet ihm die Türe. Er fährt mit ins Spital, wo sein Vater kurz darauf stirbt. Die folgenden fünf Jahre lässt Escobar bomben, morden und entführen, es sterben Richter, Polizisten, Journalisten und Passanten. Während des Präsidentschaftswahlkampfs 1989 holt er schliesslich zum grossen Schlag aus. Luis Carlos Galán liegt in sämtlichen Meinungsumfragen unangefochten an der Spitze. Er ist der Einzige, dem man zutraut, der Kokainmafia das Handwerk zu legen, er ist die personifizierte Hoffnung auf ein besseres Kolumbien. Bei einem Wahlkampfauftritt mäht ihn ein Killerkommando des Kartells von Medellín nieder. Als Escobar kurz darauf auch noch ein Passagierflugzeug mit mehr als hundert Menschen an Bord sprengen lässt, wird einer geschockten Weltöffentlichkeit endgültig klar, dass da ein Einzelner kraft seines immensen Reichtums und seiner Skrupellosigkeit imstande ist, ein ganzes Land bis in die Grundfesten zu erschüttern.

Bei Fluchtversuch erschossen

Doch die Abwehrkräfte, die Escobar heraufbeschworen hat, erweisen sich selbst für ihn als zu stark. Dank der Zusammenarbeit zwischen kolumbianischen Ermittlern und amerikanischen Geheimdiensten gelingt es einer Spezialeinheit, ihn in einer seiner geheimen Wohnungen zu stellen. Der Drogenboss versucht, durch ein Fenster zu fliehen und wird erschossen.

Es ist der 2. Dezember 1993. Für Kolumbien geht ein Albtraum zu Ende, für den damals 17-jährigen Juan Pablo nicht. Die Killer des verfeindeten Kartells von Cali und die Mitglieder der Opferorganisation Los Pepes (Perseguidos por Pablo Escobar, Verfolgte von Pablo Escobar) wollen auch die Angehörigen des Kokainbarons ausrotten. Die Familie – Juan Pablo, seine Mutter und seine Schwester Manuela – bemüht sich vergeblich, eine Aufenthaltsbewilligung für ein europäisches Land zu erhalten. Schliesslich flieht sie Hals über Kopf nach Moçambique und später nach Argentinien, wo sie sich eine neue Existenz aufbaut. Juan Pablo nimmt den Namen Sebastián Marroquín an und lässt sich zum Grafiker ausbilden, doch die Vergangenheit holt die Familie mehrmals ein. Als die Eltern der Mitschüler von Manuela erfahren, dass ihre Kinder mit Pablo Escobars Tochter in derselben Klasse sitzen, muss sie die Schule wechseln.

Der Brief seines Lebens

Die Idee zur Versöhnung stammt von Nicolás Entel. Während der Dreharbeiten zu seinem Dokumentarfilm überredete er den jungen Escobar, den Söhnen von Galán und Lara Bonilla einen Brief zu schicken. «Noch nie in meinem Leben hatte ich solche Angst, jemandem zu schreiben», heisst es in dem fünfseitigen Dokument. «Wie soll ich mich an eine Familie wenden, der mein eigener Vater so viel Leid zugefügt hat?»

Ihm sei beim Lesen klar geworden, dass der Brief nicht nur für ihn eine besondere Bedeutung habe, sondern für ganz Kolumbien, sagt Carlos Galán, der heute ebenfalls Politiker ist. Als das mehrstündige Treffen vorbei ist, sieht er den jungen Escobar nicht mehr als Sohn eines Mörders, sondern als Opfer der damaligen kolumbianischen Tragödie, eines unter vielen. Und als Juan Pablo Escobar sich selbst und die anderen als Waisen bezeichnet, antwortet Rodrigo Lara Restrepo, der Sohn des ermordeten Justizministers: «Die Vergangenheit ist hart. Aber Sie sind ein guter Mann, ein Mann des Friedens. Das ist alles, was heute noch zählt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2009, 09:16 Uhr

7

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

7 Kommentare

Thomy Franck

30.10.2009, 09:15 Uhr
Melden

Es gibt Dinge die sollte man unbedingt hinterfragen, ob sie gut sind bevor man sie tut. Aber es gibt auch Dinge die so gut sind, dass man sie unbedingt tun sollte ohne sie lange zu hinterfragen! Chapeau Juan Carlos Ecobar! Antworten


philipp glanzmann

30.10.2009, 09:29 Uhr
Melden

pablo escobar war sehr intiativenreich und zielorientiert er schaffte arbeitsplätze, sein politisches denken spielte stets eine vorreiterrolle, er hat das grundprinzip der wirtschaft entdeckt und nun sollte es weiterentwickelt werden, man muss sein produkt nur noch als medicinal anbieten und schon ist alles perfekt und alle leute sind ab nun an stets glücklich und motiviert. Antworten




Liveschiff mit Plüsch

Am 1. Juni 2012 gastieren die Berner Oberländer Mundartrocker auf dem Thunersee.

Studienberaterin gibt Tipps

Wie man ein Fernstudium erfolgreich meistert

Online-Wettbewerb

Gewinnen Sie einen Tageseintritt im Bernaqua.
Jetzt mitmachen!

FÜR IHRE FREIZEIT

Für Ausgehtipps in der Region, nutzen Sie einfach unsere Agenda.